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Marie Galante, c‘est moi qui chante…

Bei einem Apero in Bern im regnerischen Sommer 2025 erzählte Bänz von den Winterplänen 2025/2026 und wo die sea magiX ihn und Uschi – und allfällige Mitseglerinnen – hintragen soll: Trinidad, St. Lucia, Martinique, Marie Galante, Guadeloupe, Antigua,… halt! Marie Galante?! Das schlug eine Saite in mir an. Fortan lief in meinem Kopf das schöne Lied „Marie Galante“ von Peter Reber in Dauerschleife. Umso mehr freute es mich, dass ich mir eine Auszeit nehmen konnte und Uschi und Bänz auf dieser Etappe ihrer Reise begleiten darf. Bei meiner Ankunft habe ich verkündet, dass ich diese Reise bis auf eine Ausnahme ohne Erwartungen antrete: würde ich Marie Galante nicht sehen, wäre ich schon etwas enttäuscht.

Und da sind wir nun – Marie Galante, wegen ihrer runden und flachen Form auch „la grande galette“ (der grosse Pfannkuchen) genannt und südöstlich von Guadeloupe gelegen, hat uns in der Dunkelheit empfangen.

Als ich am nächsten Morgen aus meiner Koje gekrochen war und den Kopf aus dem Niedergang streckte, liess sich die Schönheit dieses Pfannkuchens bereits erahnen.

Tagesanbruch auf Marie Galante

Ein langer Strand mit hellem feinen Sand, dahinter Palmen und dichter, grüner Wald, davor herrlich klares Wasser. Kurz vor Mittag fuhren wir im Dinghy nach Saint-Louis. Der „Stadtrundgang“ ist in Saint-Louis schnell erledigt: der Anlegesteg der Fähre, die „Mairie“, einige Autovermietungsbuden und Kunsthandwerkgeschäfte sowie zwei Boulangerien. Dahinter einige Strassen mit mehr oder (oft auch) weniger gut erhaltenen Häusern im karibischen Stil, dazwischen die Arztpraxis, welche über ein zur Strasse hin komplett offenes Wartezimmer verfügt (Patientenschutz/Datenschutz scheint hier weniger wichtig zu sein) und eine Schule. Bald meldete sich der knurrende Magen und im Restaurant „Chez Mimone“ fanden wir unser kulinarisches Glück.

Gut genährt ging es danach durch den dichten Wald entlang des langen Strandes. Auf dem Rückweg suchten wir natürlich einen anderen Weg und fanden auch einen, der jedoch, wie wir bald erkannten, durch ein mittlerweile geschlossenes Ferienresort führte. Gross war die Überraschung, als wir wieder durch die Gittertüre in den Wald zurück wollten: die Türe war verschlossen! Also machte uns der Skipper eine Räuberleiter und wir kamen mit leichter Kletterei doch noch raus.

Am nächsten Tag übernahmen wir unser Mietauto, einen doch schon etwas in die Jahre gekommenen Dacia mit eigenwilliger Gangschaltung und spannenden Geräuschkulissen beim Öffnen und Schliessen der Türen. Los ging es in Richtung nördliche Seite des Pfannkuchens, wo mich der Skipper als Navigator bald mal bat, links abzubiegen. Die abenteuerliche Schotterpiste führte zu einem kurzen Fussweg mit schöner Aussicht auf die „Geule Grand Gouffre“, wo das Meer ein fast kreisrundes Loch in den Felsen gefressen hat.

Weiter ging es zum nächsten Aussichtspunkt „Caye Plate“, wo sich nach einem kurzen Marsch durch dichtes Gebüsch der Blick auf die Steilküste öffnete. Weiter ging die Fahrt, in Richtung des Windparks „Morne Constant“ hoch über der Westküste von Marie Galante.

Beeindruckend, die sechs Windräder – und an dieser Stelle sehr effizient und sinnvoll, vor allem mit dem ebenfalls realisierten Stromspeicher. Diese sechs Windräder sollen die bereits vorhandenen neun Windräder ersetzen, welche über eine für die von Wirbelstürmen heimgesuchte Region wichtige Eigenschaft verfügen: sie haben nur zwei anstatt der üblichen drei Flügel und sind klappbar, um den Stürmen weniger Angriffsfläche zu bieten. Auf der Weiterfahrt in Richtung Capesterre-de-Marie-Galante konnten wir noch einen Blick auf diese speziellen Windräder erhaschen. Nach einigen steilen Auf- und Abfahrten (wir Schweizer mit unseren kurvig ansteigenden Strassen mit gemässigter Steigung schlucken manchmal nur ab dem karibischen Strassenbau – „eifach gredi ufe und abe“) fuhren wir über eine steppenartige Fläche zwischen der Gesteinskante und dem Meer.

Capesterre-de-Marie-Galante hat einen etwas heruntergekommenen Charme und wirkte recht ausgestorben. Nach dem Ortsausgang führt die Strasse direkt an der als schönster Strand der Insel geltenden „Plage de la Feuillière“ entlang. Ich als Karibik-Erstling erzwang hier einen kurzen Halt, um die kitschigen Palmen am weissen Sandstrand und dem türkisen Wasser zu bestaunen und zu fotografieren (Anmerkung: nach meiner Ankunft in Martinique dachte ich, mein Handy würde bis zum Ende meiner Reise aufgrund der kitschigen Sonnenuntergangsfotos aus allen Nähten platzen – aber vielleicht werden es auch die Bilderbuch-Karibik-Strände…).

Weiter gings entlang der Südküste der Insel bis an den Ortsanfang von Grand-Bourg, wo kurz später die ganze Crew im badewannenwarmen Meer planschte.

Gestärkt durch einen Restaurantbesuch fuhren wir weiter zur Destillerie Poisson – deren Besuchszeiten leider schon vorbei waren. Die noch anwesende Shop-Mitarbeiterin erlaubte uns aber den Rundgang durch die zu dieser Tageszeit verwaiste Destillerie, wo seit 1916 Rum gebrannt wird.

Trotz der geringen Fläche der Insel wird hier in grossem Stil Landwirtschaft betrieben, vor allem wird aber Zuckerrohr angebaut, welcher wiederum hauptsächlich zu Rum verarbeitet wird. Spannend war der Blick auf die alten Anlagen, welche immer noch wie früher funktionieren – mit der Ausnahme, dass das Getriebe der Zuckerrohrpresse nicht mehr durch eine Dampfmaschine, sondern durch einen Motor angetrieben wird. Bei der Weiterfahrt durch die Mitte der Insel erspähten wir immer wieder heute stillgelegte Windmühlen, weswegen Marie Galante auch die „Insel der 100 Windmühlen“ genannt wird. Nach einem Rundgang durch Grand-Bourg landeten wir nochmals am wunderschönen Strand zu einem Bad im Meer, bevor wir zurück nach Saint-Louis fuhren und den Dacia „plein et propre“ wieder bei der Autovermietung abgaben.

Eindrücklich, wie abwechslungsreich eine Insel mit einer Fläche von nur 158Km2 sein kann! Zudem könnte ich mich nun wahrscheinlich für ein Offroad-Ralley anmelden, nach den abenteuerlichen Schotterpisten mit eindrücklich tiefen Schlaglöchern.

Am nächsten Morgen hiess es um 9 Uhr „Anker auf!“ und wir verabschiedeten uns von Marie Galante. Schön war es! Danke, Peter Reber, dass du mit deiner wunderbaren Musik schon als kleines Mädchen die Idee des Segelns in mir eingepflanzt hast und dass du mich mit deinem Lied „Marie Galante“ dazu gebracht hast, dieses wunderbare Fleckchen Erde zu besuchen!

Der Wind trug uns in Richtung Nordosten, wo der Skipper die Insel „La Désirade“ im Visier hatte. Östlich von Guadeloupe gelegen, erreicht man den Hafen in Beauséjour durch einen nicht sehr tiefen (für die sea magiX bei nicht allzuviel Schwell gerade noch passierbaren) Kanal zwischen Riffs hindurch. Uschi hat während der letzten Tage schon mehrfach geäussert, dass sie auf einen Halt hier verzichten möchte, weil die Einfahrt aufgrund der sehr geringen Wassertiefe zu riskant sei. Bänz steuerte dennoch den Einfahrtskanal an und fuhr sehr bedacht in langsamster Fahrt und mit stetem Blick auf Echolot und GPS-Track durch den Kanal, begleitet vom beeindruckenden Tosen der sich links und rechts des Einfahrtskanals brechenden Wellen. Schon sehr unheimlich…

Aber alles klappte bestens und die sea magiX wurde neben dem Fähranleger und dem Abfallschiff (das glücklicherweise den Hafen direkt nach unserer Ankunft verliess) fest am Steg vertäut. Das Apéro nach der Ankunft verlief in guter Stimmung, hatte ich mich innerlich doch schon fast auf eine Mediation zwischen Skipper und seiner Frau aufgrund des Ansteuerns von Désirade trotz des Widerspruchs von Uschi eingestellt. Ich hoffe, dass Uschi aufgrund der Versicherung des Capitaine du Port, dass der Kanal im Oktober 2025 ausgebaggert worden sei und nun eine Wassertiefe von 3.5m aufweise, auf Désirade keine schlaflosen Nächte hat.

(Kommentar Uschi: die geringste Wassertiefe, die ich in der Einfahrts-Rinne zwischen meinen Fingern hindurch erspähte, war 3.2m. Stecken blieben wir dann erst im Hafen drin im ruhigen Wasser. Aber all zu häufig brauche ich diese Adrenalinstösse nicht wirklich… :-)) Und danke liebe Michelle für den tollen Bericht!

sea magiX am einzigen Platz für plaisanciers im kleinen Hafen von La Désirade