Lange war sie (La Désirade) vor allem für den Skipper die unerreichte Ersehnte gewesen. Für mich – wie Michelle schon treffend im letzten Bericht geschrieben hat – eher nicht, denn ich hatte die Insel als kargen Felshaufen in Erinnerung, dessen Einfahrt zwischen den Riffs hindurch vor 11 oder 12 Jahren ganz knapp für Sparti Ventos Tiefgang gereicht hatte, während in meinem geistigen Auge von unten die einzelnen Korallenköpfe gierig nach unserem Kiel gegriffen hatten. Ich erinnerte mich noch gut, wie wir damals von drinnen den Weg der Fähre genau beobachtet hatten, um ihr dann beim Hinausfahren im Kielwasser zu folgen. Im Frühling 2025 hatten wir den letzten Versuch, uns zwischen den schäumenden Wellen hinein zu tasten, einige Meter nach der äusseren Boje abgebrochen. Im Schwell hatte das Echolot dazumal zwischen ca. 4 und 3 Metern geschwankt. Diesmal klappte es ja, auch weil wir viel ruhigeres Wetter und Wasser hatten. Und weil – wie wir im Nachhinein erfuhren – vor wenigen Monaten gebaggert worden war. Wobei ich bis zum Schluss des Gesprächs mit M. Dinan, dem Capitaine du Port, nicht sicher war, ob denn nur im Hafen (und dort nicht überall, um den Fähranleger nicht zu destabilisieren) gegraben worden war, oder doch auch in der Rinne zwischen den Riffs. Aber damit sind wir schon bei der ersten Korrektur meiner früheren Ansichten über La Désirade.

Wo ich zuvor nur die trockene, karge Landschaft des winzigen Eilands in Erinnerung gehabt hatte, fielen mir diesmal gleich als erstes die Menschen hier mit ihrer Freundlichkeit auf. Es fing schon damit an, als wir noch nicht mal eine Leine an Land hatten und trotzdem im Hafen fest sassen: der Skipper drehte eine elegante Tellerwende, während uns unser Kiel im Schlick schön an Ort hielt. Sah gekonnt aus in dem kleinen Häfelchen, wenn da nicht die braune Sauce gewesen wäre, die es um uns herum aufwühlte. Offensichtlich war nicht bis da vorne gebaggert worden. Von einem vorbeifahrenden Fischerboot wurden wir gefragt, ob wir einen Platz suchen würden und man winkte uns ans Heck der Fähre, parallel zum Abfallschiff, das gerade die letzten Mülltonnen auflud, bevor es in Richtung Guadeloupe ablegte. Kurz bevor wir an der Seite des Fähranlegers fest gemacht hatten, sassen wir schon wieder fest. Ich musste mich an Land gar nicht beeilen mit der Spring – sea magiX trieb es gerade nirgends hin. Ein zwei Meter weiter nach hinten gezogen, so dass unser Heck genau bündig war mit der Kante des Fährstegs, und wir schwammen schon wieder auf. Und da lagen wir dann – das einzige Segelschiff in einem winzigen Hafen mit vielen Fischerbooten, einer Passagierfähre und einem kleinen Frachter. Ein grösseres Boot hätte hier wohl etwas Mühe, fest zu machen. Wobei das Abfallschiff nur zweimal pro Woche kommt: dienstags mit den Esswaren für die Läden und Restaurants und donnerstags mit den Non-Food-Artikeln für die Insel. Und am Rückweg jeweils die schon erwähnten Ladungen an schön getrenntem Abfall.
Am Steg herrschte emsiges Treiben: bald nach unserer Ankunft legte die Fähre mit ihren Tagestouristen für den Heimweg nach Guadeloupe ab. Kritisch schaute der Captain, ob wir ihm bei seiner eleganten Tellerwende mit zwei Motoren (einer vor, einer zurück und dabei lässig über die Seite gucken) im Weg waren. Als er sein Schiff wenige Meter hinter Leonie an uns vorbei manövriert hatte, konnten wir ihm ein erstes kleines Winken entlocken. Michelle und ich machten es uns fortan zum Ziel, von ihm nicht nur ein Zurückwinken, sondern auch mal ein Lächeln zu erhaschen. Und siehe da, schon am Abend des nächsten Tages hatten wir es geschafft und ein zurückhaltend-joviales Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Bis zum Schluss hatten wir ihn sogar so weit, dass er meinte, es sei schön gewesen, „de se faire coucou le matin“ bei seiner ersten Tour, die meist mit unserem Good-Morning-Tea im Cockpit zusammenfiel.
Der Capitaine du Port hatte uns gebeten, erst nach Abfahrt der Fähre zu ihm zu kommen, wenn er mehr Zeit für uns habe. Er empfing uns äusserst zuvorkommend in seinem Büro im ersten Stock des kleinen Fährterminals. Dunkelblond mit Sommersprossen passte er für mich so gar nicht ins Bild eines typischen Einheimischen auf dieser Insel, aber im Verlauf des Gesprächs erfuhren wir auch wieso: die Einwohner von La Désirade sehen sich als Nachkommen von Bretonen. Begeistert erzählte er uns mindestens eine halbe Stunde lang vieles über seine Insel, während er nebenbei noch ein paar Handnotizen auf eine Kopie unseres Flaggscheins machte: Ankunft am 8. Januar, 3 Personen an Bord, alle aus der Schweiz. Abfahrt? Als wir meinten, wir wüssten es noch nicht so genau, legte sich seine Stirn in Sorgenfalten: also am Sonntagmorgen müssten wir vor der Ankunft der ersten Fähre wieder weg sein: dann kämen im Verlauf des Tages mit 10 Fahrten etwa 2500 Gäste auf die Insel: da sei nämlich der Start des Karnevals auf der Insel. Oh, das hätten wir natürlich gerne gesehen! Aber ok, er brauchte „unseren“ Platz für die zweite Fähre und so versprachen wir, früh am Sonntagmorgen abzulegen (und wieder den Weg hinaus zwischen den Korallenzähnen zu nehmen). M. le Capitaine Dinan erzählte uns nicht nur viel über seine Insel, dass sie ca. 1400 Einwohner habe, dass ihre Wasserversorgung seit 1991 aus Guadeloupe per Unterwasserleitung sichergestellt werde, dass hier die grösste Berufsfischerflotte der französischen Antilleninseln registriert sei (ca. 64 in seinem Hafen, davon ca. 5-6 Frauen), dass viele von ihnen mit sogenannten CDPs, Concentré de Poisson fische (Notiz an selbst – Uncle Google fragen, wie das genau funktioniert), dass die Insel auf einer anderen tektonischen Platte liege als Guadeloupe, und wo es die besten Restaurants gebe, die auch abends geöffnet sind, etc. etc. Er gab uns auch noch seine Handynummer: beim nächsten Mal sollten wir ihn vorher anrufen und könnten fragen, ob es Platz am Steg habe (und vielleicht auch, ob schon wieder gebaggert worden sei, dachte ich im Stillen für mich 😉).
Auf der anderen Strassenseite, gleich gegenüber unseres Stegs liegt die Auto-, Scooter- und Buggyvermietung der Insel. Im Wissen, dass sie nun wirklich nicht gross ist, hatten wir keine Lust, 150€ für einen Tag mit dem Buggy auszugeben. Andererseits konnten wir uns gut an die Dreckpiste oben erinnern, in der wir vor Jahren einem Automieter geholfen hatten, seinen Wagen wieder flott zu kriegen, nachdem er aufgelaufen und mit allen vier Rädern in der Luft gestrandet war. Die Lösung: Mountainbikes. Michelle klinkte sich aus – sie hatte sich wohl das steile Terrain mit den karibischen Temperaturen etwas realistischer zusammengereimt, als der Skipper und ich.
Mit dem Vermieter geriet ich erstmals auf der Insel an eine weniger freundliche Person: ich hatte ihn offensichtlich in seiner Vermieterehre gekränkt, als ich ihn in meinem unbeholfenen, wenig diplomatischen Französisch fragte, ob die Gangschaltung an den rostigen beiden Billigvelos, die er mir hinstellte, denn funktioniere. Erbost forderte er mich auf, die zwei MTBs wieder hinzustellen und lief geschäftig davon. Kein anderer Kunde weit und breit. Nun, ich hatte Zeit, wenn auch wenig Lust, mir den Tag von einem unfreundlichen Monopolisten vergällen zu lassen. Nach einer Weile hatte er sich dann wieder beruhigt und demonstrierte mir zumindest an einem der beiden Räder, dass die Schaltung wechselte. (Später stellte ich fest, dass von den 15 Gängen etwa 3 wirklich hielten, aber ok…) Und als er mit dem Wechselgeld zurück kam, hatte er mir 70 statt 80 Euro für zwei Tage für zwei Fahrräder verrechnet. Eine kleine, unausgesprochene Entschuldigung? Oder einfach ein Rechenfehler? Ich liess die Frage offen, bedankte mich freundlich und brachte die Velos zum Boot. Wir waren bereit für unsere Erkundungstour.
Der Weg führte uns das Strässchen hinauf zur Kalvarienkapelle; Notre Dame du Calvaire. Die Dame im Touristenbüro hatte erwähnt, dass dies ein schöner Abendspaziergang sei, um von dort dem Sonnenuntergang zuzusehen. Wahrscheinlich hat sie selbst das noch nie zu Fuss gemacht, sonst wäre ihr aufgefallen, dass der Sonnenuntergang nur mit viel Keuchen und Pusten als Hintergrundgeräusch genossen würde. Der Skipper und ich mussten schon beim dritten Kreuz vom Velo absteigen und schieben – auch mit einwandfreier Gangschaltung wäre das kaum pedalend zu bestreiten gewesen. Unterwegs wurden wir immer wieder von freundlichen Menschen gegrüsst und oft auch angefeuert: „Courage! Vous avez déjà au moins un quart du chemin!“ Die Stationen des Kalvarienwegs verhalfen uns alle paar Meter zu „Besinnungs-„ und vor allem Atempausen. Unsere Waden brannten wie Feuer. Der Schweiss lief uns in Strömen in die Augen. Hätten wir vielleicht doch besser so einen teuren Buggy mieten sollen? Endlich war es geschafft und wir standen vor der schön hellblau gestrichenen Kapelle mit ihrer kleinen Rundblick-Terrasse.
Ok, das hatte sich wirklich gelohnt: der Blick schweifte über das Westende der Insel hinweg nach Guadeloupe und zu unseren Füssen auf den Ort Beauséjour mit dem kleinen Hafen und sea magiX drin hinab: blaues, teils türkises Wasser, weisse Wölkchen, grüner Wald bzw. Busch. Und über allem streifte der sehr willkommene Passatwind und kühlte unsere überhitzten Köpfe wieder auf Betriebstemperatur hinunter.
Oben auf dem Inselrücken ging es auf der Schotter- und Lehmpiste weiter. Mit einigen Schiebe-Einlagen gelangten wir zum älteren Windpark mit den cleveren karibischen Windmühlen, die mit Hilfe eines Jütbaumes beim Herannahen eines Sturms heruntergeklappt werden konnten. Aber der Park wird offensichtlich rückgebaut und die grossen Maschinen lagen wie riesige kranke Kraken halb zerlegt am Boden.
Der Blick von der Kanzel auf die Küste hinab war jedoch noch immer da und lohnte sich einmal mehr.
Ganz im Osten der Insel ist inzwischen ein neuer, modernerer und leistungsfähigerer Park aufgebaut worden. Auch diesen besichtigten wir, wenn auch kürzer: es fehlt ihm die halb nautische Romantik der Jütbäume. Und auch die Aussicht.
Der Rückweg führte auf der Küstenstrasse mit Rückenwind vorbei an unzähligen Ziegen, die den Insel-Osten gefühlt kahl gefressen haben und vor denen sogar die Kakteen mit Gittern geschützt werden müssen.
Beim Picknickplatz tummelten sich die Iguanas mit sehr wenig Scheu, dann erreichten wir wieder die schönen Strände mit „Kitsch-Alarm“ (in Michelle’s Worten) und bald darauf den „Hausstrand“ von Beauséjour mit Schutz hinter dem Riff und angenehmer Süsswasserdusche, aber vorher noch einem eiskalten Cola und Mineralwasser, die beide nur so verdunsteten.
Am nächsten Tag bewirkten dann die etwas empfindlicheren Allerwertesten, dass wir eine weniger ambitionierte Runde zur Westecke der Insel fuhren. Dort kommt die Wasserleitung von Guadeloupe an, welche die sonst sehr karge Insel mit genügend Süsswasser versorgt. Ein interessanter Gedanke. Meistens geht es bei Leitungsverbindungen zu Inseln um Kommunikations- und vielleicht noch Stromkabel. Aber Wasserleitungen? Das kenne ich nur von La Désirade.
Abends gesellte sich Christophe, der Schiffsmechaniker der Fähre für einen Apéro zu uns. Michelle schob sein Interesse eher auf seinen Wunsch, „ein Schweizer Bankkonto zu eröffnen“. Der Skipper und ich beobachteten aber auch, wie er unsere Mitseglerin mit einem Leuchten in den Augen ansah… Trotzdem – es war interessant zu hören, wie auch jemand, der anscheinend gut ausgebildet ist und auch in Europa in diversen Ländern schon gearbeitet hat, die Schweiz auf ihre Banken reduziert und in einem Schweizer Konto die Lösung für viele Probleme sieht – ohne sich viele Gedanken über den Füllstand eines solchen Kontos zu machen. Etwas enttäuscht, dass wir ihm nun nicht gleich eine Nummer und einen E-Banking-Zugang bereitstellten, zog Christophe wieder von dannen. Oder lag die Enttäuschung doch eher daran, dass Michelle nicht sofort auf seinen Charme eingestiegen war?
Frühmorgens am Sonntag, 11.1., legten wir wie versprochen noch vor der 7-Uhr-Fähre wieder ab. Letztere war auch schon fast bereit. Sie hatte diesmal gleich mehrere Ziegenböcke auf ihrer Heckschürze und auch einen besonders lautstarken Gockel (aber den dann doch innen am Geländer) geladen. Wie die Tiere diese Reise wohl erlebten? Ob sie seekrank würden, wussten ihre Besitzer nicht – es sei ja die erste Reise für sie.
Für unsere eigene Route hatten wir perfekte Bedingungen. Zügig ging es bei halbem Wind nordwärts und schon Mitte Nachmittag konnten wir uns durch die Einfahrt hinters Riff von Green Island fädeln. Praktisch, wenn man auf dem Kartenplotter den Track vom letzten Besuch nutzen kann. Aber trotzdem wichtig ist daneben auch das „eyeballing“: der kritische Blick ins Wasser, ob man genug Abstand von den Korallenköpfen hat, die hier die Rinne begrenzen und immer wieder auch unterwegs lauern.
Hinter dem Riff dann wieder ruhiges, klares Türkis-Wasser, Sandstrand und eine schöne Ankerbucht, wobei schon einige andere Segler da lagen. Unter anderem eine italienische Amel mit Schweizer CCS-Flagge unter der Backbordsaling. Die Rolly, mit Milca und Patrick aus Ascona, wie wir am nächsten Tag erfuhren. Vielleicht – hoffentlich – kreuzen sich unsere Wege nochmals. Sie sind aber schon am Weg nach Süden, um im April in Trinidad auszuwassern. Die Enkel rufen… Aber wer weiss – irgendwann klappt es vielleicht ja doch noch.

Um Michelles Planung nicht all zu sehr durcheinander zu bringen, war für Antigua nur eine Stippvisite geplant. Deshalb gings am Montagmorgen gleich wieder los, um die Insel im Gegenuhrzeigersinn innen am Riff halb zu umrunden. Gerne wollten wir Michelles Kitsch-Sensor an der Kamera noch etwas herausfordern. Antigua ist aus unserer Sicht vor allem wegen seiner wunderschönen Strände und Ankerplätze hinter den Riffs, im Reisekatalog-Stil, sehenswert. Und natürlich auch wegen Shirley Heights, mit dem Steelband-Konzert am Sonntagabend zum Sonnenuntergang mit unschlagbarer Aussicht. Den Sonnenuntergang, bzw. die Aussicht gibt es auch dienstags, womit das Programmziel für jenen Tag klar war. Am Montag führte uns der Weg bis in die Bucht von Jolly Harbour, wo wir rechtzeitig den Anker fallen lassen konnten, um noch mit dem Dinghy für einen Drink in die Innenbucht zur Marina brettern zu können. Naja, brettern geht dann zu dritt doch nicht mehr so gut. Und wäre ja sowieso nicht erwünscht im Hafen. Die Marina von Jolly Harbour war erstaunlich ruhig, um nicht zu sagen tot. Ob nur montags alles geschlossen ist, oder die Saison hier noch nicht richtig begonnen hat? Michelle und ich fanden trotzdem noch ein Glas Pinot Grigio in der einzigen offenen Bar, während der Skipper „nur schnell mal schauen“ ging, ob die Chandlery Island Water World auch geschlossen sei. War sie noch nicht, aber wurde bald, so dass er tatsächlich mit leeren Händen zurückkehrte.
Am Dienstag gings dann nur mit der Genua im Goat Head Channel innen am Riff der Südküste Antiguas entlang gegen den Wind. Das heisst – kreuzen… eigentlich nicht mehr unbedingt unser Wunschkurs. Aber um Michelle die Aussicht von Shirley Heights zeigen zu können, und ein ganz kleines Bisschen auch für uns, um wieder dort hinauf zu klettern, nahmen wir die zig Kreuzschläge in Kauf. (Ich schaute einfach, dass ich die meiste Zeit am Steuer war… 😉😊😊 So lag es am Skipper und an Michelle, die Genua jeweils im Regattamodus schnell wieder auf der neuen Seite dicht zu kurbeln. Schliesslich hatte ich mein Krafttraining am Morgen schon mit dem Theraband gemacht 😉) Bald nach Mittag hatten wir Falmouth Harbour mit seinen riesigen Superyachten passiert und erreichten English Harbour. Dort liegen die Megayachten etwas diskreter am Steg, während die Normalos wie wir sich in der kleinen Freeman’s Cove ein wenig drängen.
In der Ecke, die wir noch für uns finden konnten, gab es fast keinen, bzw. sehr wirbeligen leichten Wind. Öfters kamen sich da die Boote bedrohlich nah. Ein ungutes Gefühl, aber es knallte glücklicherweise nie.
Beim Spaziergang durch English Harbour mit seinem geschniegelten, irgendwie aus einer anderen Welt kommenden Charme begegneten wir den Jungs, die gerade am Aufbau der Ankunftsbühne für die toughest rowing challenge of the world waren. Früher hiess die „Talisker Challenge“, aber Whisky-Werbung ist wohl inzwischen verpönt. Trotzdem – Michelles Reaktion war eindeutig: „Aha, also tatsächlich eine Schnapsidee!“ Sie hat absolut recht: wer würde sich denn bei Sinnen dazu entschliessen, von den Kanarischen Inseln nach Antigua zu rudern? Aber es gibt anscheinend auch nach Jahren noch immer genügend Verrückte, die sich darauf einlassen. Und ausgerechnet die ersten zwei Boote, die am nächsten und übernächsten Tag erwartet wurden, waren (teils) Schweizer Crews. Sagt das nun etwas über allgemeine Schweizer Geisteszustände? Egal – es ist in jedem Fall eine unglaubliche Leistung, diese Strecke wochenlang zu rudern. Und dann das Rennen noch zu gewinnen; Hut ab!


Etwa zwei Stunden vor Sonnenuntergang machten wir uns dann auf den Weg vom Strand aus hinauf zum Aussichtspunkt. Die ersten Blicke von unterwegs entschädigten uns für die Schweisstropfen, die schon wieder flossen.
Oben angekommen waren wir gerade noch rechtzeitig vor der Schliessung der Bar um 17h und konnten „Rum Punch“ aus dem 5-Liter-Kanister und Weisswein mit ein paar Packungen Pommes Chips ergattern. Die Küche hatte „längst“ vorher geschlossen und wurde noch gefegt – das würde nix werden mit dem geplanten Burger mit Aussicht.
Aber wir waren ja nicht wegen der Burger da, sondern eben wegen der Aussicht. Die – obwohl sich auch die Sonne für einmal weigerte, hinter den Wolken hervorzublinzeln – ist noch immer umwerfend. Wir genossen es, den Blick nur mit ein-zwei anderen Grüppchen und ein paar noch nicht näher bestimmten Tierchen (Wiesel? Buschschwanzratten? 😉) zu teilen. Die Speicherkarten füllten sich mit Fotos und die Herzen mit schönen Erinnerungen.
Den Abstieg begannen wir noch vor dem Eindunkeln entlang der Strasse und kamen mit der Dämmerung, beseelt von so vielen schönen Bildern zu sea magiX zurück. Dann halt eben Pasta mit Pesto, statt der angedachten Burger. Da hatte ich ja sowieso schon lange mal wieder Lust drauf gehabt.
Michelle hatte ab Donnerstag ihr Mietauto und Hotelzimmer gebucht. Entsprechend war klar, dass wir am Mittwoch wieder südwärts nach Guadeloupe segeln wollten. Es wurde eine schnelle Fahrt bis vor die Passe à Colas im Grand Cul de Sac Marin, quasi am Rückgrat der Schmetterlings-Insel. Das rot-grüne Tonnenpaar markiert den Eingang hinter das grosse Riff und zeigt zum gewundenen Kanal, der etwa fünf Meilen weit südwärts an diversen Korallenhügeln vorbei in die Mangrovenbucht von Baie Mahault führt.

Im ruhigen, aber wegen der Mangroven nicht klaren Wasser fiel der Anker auf etwas mehr als drei Metern Wasser und griff sofort – hier kann es blasen kommen, so viel es will; wir lagen so gut geschützt und sicher wie selten.
Gebührend für den letzten Abend an Bord der Präsidentin des Berner Fasnachtsvereins legten sich die lokalen Sambagruppen abends ins Zeug und übten für den Karneval. Wie wir am nächsten Tag feststellen konnten, bietet sich der grosse Parkplatz direkt neben dem Friedhof als Übungsgelände wohl so richtig an: trommeln und auf den Conchs trompeten, bis man die Toten weckt. Aber für müde Segler kein Problem – die liessen sich nach dem Absacker-Rum vom Schlafen nicht abhalten.
Über die lokale Taxi-App „mawoute“ hatte Michelle sich ein Taxi zum Flughafen organisiert. Es klappte gut und so verabschiedeten wir uns am Donnerstagvormittag nach zwei abwechslungsreichen, fröhlichen und friedlichen Wochen von unserer Mitseglerin. Es hat viel Spass gemacht mit Dir, liebe Michelle!

Zu Fuss wanderten der Skipper und ich die ca. 2km zum Centre Commercial weiter, wo es nebst einem Decathlon auch einen riesigen Carrefour gibt. Und: Crocs-Läden mit Ausverkauf. Bänz hatte ja ein Paar seiner geliebten Crocs in Le Marin am Steg vergessen. Er wollte dann aber trotzdem keine Glitzercrocs oder solche mit Plateausohlen als Ersatz…
Mit schwer beladenem Transportwägelchen und vollen Rucksäcken kehrten wir einige Stunden später , nach einem Notfall-McDonalds-Menü geteilt mit der Haushenne zu sea magiX zurück. Mit Karnevals-Übungsmusik untermalt gabs im Dunkeln das Erholungsbad. Und wir staunten nicht schlecht: das Wasser glitzerte und leuchtete sehr hell um unsere Körper: so viel Biolumineszenz hatten wir zuletzt nur auf den USVIs erlebt. Wunderschön! (Ok, auf den Bildern ist nicht viel zu sehen – das wäre auch viel verlangt von einer einfachen Handykamera…)
Am Freitag und Samstag hiess es mal wieder arbeiten: die Buchhaltung und diverse Jahresschlussarbeiten drängten bei mir, während sich der Skipper mit dem gelegentlichen Ersatz unseres Autopiloten beschäftigte und am Samstag mit dem Dinghy durch die Rivière Salée nach Pointe à Pitre bretterte.
Jetzt ist Samstagabend; die Lohnmeldungen sind erfolgt, Mehrwertsteuerabrechnung erfasst, und dieser Bericht nachgeführt. Morgen darf wieder etwas „Tüterle“ auf dem Programm stehen. Zumal ja da auch noch ein Geburri zu feiern ist. Programm? Noch offen – vielleicht nochmals ein Dinghy-Ausflug für den „je plane je plane“-Piloten? Mir wei luege!











































































































