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Das lange Warten

Wenn man Langzeit-Segler fragt, was ihre Hauptbeschäftigung ist, dann kommt – erstaunlicherweise – selten als erste Antwort das Segeln. In den allermeisten Fällen heisst es, es gäbe immer Pendenzen für den Bootsunterhalt. Auf sea magiX sind wir jedenfalls überzeugt, dass sich die Pendenzenliste jeweils auf einen Standardwert von x Punkten einpendelt. Und immer wenn man ein Thema angegangen und erledigt hat, rückt ein neues automatisch nach. Ist ja auch nicht so überraschend, denn jedes Haus muss auch gepflegt und gewartet werden, wenn es länger halten soll. Warum dann nicht ein Boot, das noch dazu viel intensiveren Belastungen ausgesetzt sein kann als die meisten Häuser in unserer Heimat?

Zur immerwährenden Pendenzenliste gesellt sich hier jedoch noch etwas anderes hinzu: das lange Warten auf irgendwelche Ersatzteile. Es gibt hier in den Antillen-Inseln einige Hotspots mit sehr gut ausgerüsteten Ship-Chandleries. Le Marin auf Martinique, Pointe à Pitre auf Guadeloupe, Jolly Harbour auf Antigua und eben auch die Shops hier auf St. Martin in der Lagune. Oft haben sie die gewünschten Teile schon auf Lager. Aber wenn nicht, dann kann es langwierig werden. Und so füllen sich die Buchten an diesen Hotspots, weil jeder auf irgendetwas wartet.

In unserem Fall geht es nicht um ein Ersatzteil, sondern um den Garantie-Umtausch des von Anfang an defekten neuen Autopilot-Controllers. Guï von der Raymarine-Vertretung hatte uns erzählt, er bekomme im Normalfall die Tracking Number für den Versand von Teilen innerhalb von ca. 3 Arbeitstagen nach dem Starten des Prozesses. Inzwischen sind 7 Tage verstrichen und wir haben noch nichts gehört. Die Tracking Number gibt Auskunft über den momentanen Ort, wo sich das Ersatzteil befindet. Von da kann man dann abschätzen, wie lange es bis zur Ankunft am Bestimmungsort ungefähr noch dauern könnte. Da wir noch keine Nummer haben, wissen wir auch nicht, ungefähr wie lange wir hier eventuell noch warten sollten. Es könnte sich um drei Tage handeln (ab Versand der Tracking Number). Aber es könnten auch drei Wochen sein oder mehr…

Inzwischen rückt aber mein Frühlings-Arbeitsmonat in der Schweiz mit grossen Schritten näher. Und wir würden gerne auf dem Weg nach Puerto Rico noch etwas Zeit auf den US Virgin Islands verbringen. Andererseits wird es im April ziemlich genau Wind auf die Nase bedeuten, wenn wir wieder von Puerto Rico hierher zurück müssen. 100 SM gegenan – das hatten wir vermeiden wollen. Der Plan war, am Rückweg via die „Islands that Brush the Clouds“ (Was für ein wunderschöner Name für Saba, St. Eustatius, St. Kitts, Nevis, Monserrat) nach Südosten zu segeln. Nun, momentan siehts nicht gut aus für diese Pläne. Und so suchen wir nach Alternativen. Vielleicht kann uns ein befreundetes Boot die „Brainbox“ mitbringen und den Skipper auf Puerto Rico oder den USVIs im März treffen? Vielleicht könnten Freunde, die in die Schweiz zurückfliegen, das Teil mitnehmen und ich würde es dann im März bei ihnen holen? Vielleicht kennt jemand jemanden, der sie mitnehmen könnte? Was schön ist, ist die Hilfsbereitschaft in der Segler Community. Ich bin fast sicher, dass wir einen Weg finden werden, der uns die Gegenanfahrt ersparen wird. Erste Kontakte wurden schon durch Monika und Robert von der SY Jetzt hergestellt. So lieb! Vielleicht ergibt sich da auch eine Option? Hoffen wir mal…

Die Woche des Wartens hier auf St. Martin ist schnell vorbei geflogen. Wie erwähnt gab es diverse Boots- und Büro-Pendenzen, aber auch schöne Treffen mit Freunden. Fast jeden Tag preschten wir mit dem Dinghy in die Lagune: Brauchwasser (in Kanistern) holen, Dinghybenzin tanken, Dieselkanister nachfüllen, ein wenig Landgang mit Spaziergängen durch die Strassen von Marigot, zu den Einkaufszentren, etc.

Im Kontrast zu den gedrängten und gefühlt noch immer zerfallenden Verhältnissen auf den Strassen des Städtchens Marigot stehen die unzähligen, riesigen Superjachten in der Lagune. Es wirkt irgendwie schon ziemlich befremdlich, so viel unglaublichen Luxus auf so wenig Raum angehäuft zu sehen. Manchmal wird man sich der riesigen Masse erst bewusst, wenn es einen Grössenvergleich mit einem Crewmitglied irgendwo auf den Ungetümen gibt… Unsere sea magiX ist oft gerade mal so gross, wie das Beiboot dieser Dampfer. Was wohl ein Tag Liegeplatz für so einen hier kostet? Wir könnten es nachlesen, aber lassen das lieber deren Problem sein.

Die frühere Marina auf der französischen Seite zerfällt weiterhin. Sie wurde – wie fast alles andere auch auf der Insel – beim Hurricane Irma 2017 zerstört. Und seither nicht wieder aufgebaut. Es findet sich wohl keiner, der hier Geld investieren möchte. Und je länger, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass sich da was ändern wird. Es ist ein trauriges Bild von halb versunkenen Wracks, noch immer bewohnten Ruinen und einigen “Günstig-Langzeitliegern” im früheren Marinabecken. An Land versuchen einige Restaurants und Geschäfte, sich irgendwie wieder zu etablieren, aber auch das ist schwierig wenn nebenan die Ruine das Bild bestimmt. Schade… auch wenn es fürs Anbinden des Dinghys praktisch ist, dass dort immer Platz ist dafür.

Eine wichtige Pendenz war – nebst dem “Verband” für das Genuafall – die Untersuchung unseres Ankerlichts im Masttop. Das schien plötzlich nicht mehr wirklich stark genug und war kaum mehr sichtbar. Bevor er ein neues bestellte, wollte der Skipper das Licht im Masttop mal kontrollieren. Mit der Elektrowinsch ist das Hinaufziehen heutzutage kein grosses Problem mehr für mich – auch nicht, wenn man dreimal hoch muss… Er montierte das Licht oben ab (das in dieser Variante neu ca. 300 € kostet) und brachte es ins Cockpit herunter. Wir staunten nicht schlecht: das Epoxy-Harz, in dem die LED-Lämpchen eingegossen sind, war nach 4 Jahren völlig erblindet.

Kein Wunder, konnte man das Licht nicht mal mehr von gleich nebenan sehen! Eine halbe Stunde Polieren brachte dann aber den alten Glanz wieder zum Vorschein: aha, genau wie der Rumpf leidet wohl auch dieses Lämpchen oben im Mast durch die Verwitterung bei Sonne und Hitze!

Auch an einem Vortrag vom Yanmar-Schiffsmotoren-Dealer über Unterhaltsarbeiten an Yanmar-Motoren waren wir. Spannend, die Menschen, die sich da trafen! Und komisch – auf die meisten Fragen war die Antwort “if you get the original Yanmar parts, you won’t have that problem.” ;-)) Trotzdem – immer gut, Motoren gleich so auf einer Palette von allen Seiten zugänglich ansehen zu können.

Am schönsten aber waren immer die Treffen mit unseren Freunden. Mehrfach gab es ein sehr feines Mittagessen beim Italiener in der leider noch immer dem Zerfall preisgegebenen ehemaligen Marina auf der französischen Seite: „La main à la pâte“. Cooler Name für eine italienische Beiz, finde ich.

Mit Alexandra und Stef von der Modus Vivendi im “Main à la pâte”

Oder auch die Essen im „Lagoonis“, gleich neben dem Shipchandler „Island Water World“ auf der holländischen Seite. Die Preise dieser beiden Lokale sind für hiesige Verhältnisse ok, und im Vergleich zu anderen Restaurants hier sogar günstiger. Aber sie machen auch sehr deutlich, dass wir uns ab jetzt im Hochpreis-Gebiet der Karibik bewegen. Für Milchprodukte wie Jogurt oder Käse werden hier auch in den grossen Einkaufszentren teils Fantasiepreise verlangt. Ein 1kg-Becher Nature Jogurt kostet zwischen USD 8.56 und über 10 USD. Der grosse Carrefour nahe der holländischen Seite mit eigenem Dinghysteg (auf Google Maps ist er mit „Carrefour Dinghy Dock“ markiert) ist anscheinend der Hauptversorger für viele Superjachten. Er hat ein sehr grosses, vielseitiges Sortiment, aber auch die entsprechenden Preise. Wir staunen immer wieder, können dann aber bei gewissen Angeboten doch nicht immer widerstehen.

Auf der anderen Seite beim Super-U zeigen sich Auswirkungen der grossen Winterstürme im Atlantik: mindestens ein Frachtschiff mit Milchprodukten konnte die Insel nicht wie geplant beliefern. Eindrücklich, die leergefegten Kühlregale!

Vor dem fast leeren Kühlregal im Super-U

Das Wetter hält uns auch anderweitig in Atem: die grossen Winterstürme in den USA ziehen gerade bis weit südlich in den Atlantik und schicken hohe Dünungswellen zu uns. Gleichzeitig dreht der Wind über sehr ungewöhnliche Richtungen. Heute kommt er aus Süd-Südwest, womit wir sehr gut geschützt liegen. Auch morgen ist für uns die perfekte Lage angesagt, aber für die allermeisten üblichen Schlupflöcher in der Karibik nicht: es soll nämlich weiter drehen auf Westwind – 180 Grad entgegen der hier sonst so verlässlichen Windrichtung. Und am Sonntag geht’s dann über Nord und später wieder zurück auf den Ost-Passat, was zusammen mit der dann erwarteten 3m-Dünung für ungemütliches Liegen in dieser Bucht sorgen dürfte. Ergo: der Plan ist, morgen die Bucht hier zu verlassen…

Jetzt ist Sonntag, der 8.2. und wir haben tatsächlich „um die Ecke“ in die Simpson Bay verlegt. Wir liegen jetzt gemeinsam mit vielen anderen wenige hundert Meter von der Start- und Landebahn des Princess Juliana Airports entfernt vor Anker. Alle 2-3 Minuten startet oder landet gerade ein Flieger. Viele davon sind private Jets. Die Besitzer der unzähligen Superjachten kommen und gehen hier wohl so mit ihren Jets, wie wenn wir mit dem Fahrrad nochmals ins Einkaufszentrum fahren, weil wir etwas vergessen haben… Gleich nebenan ist der berühmte Maho Beach, wo die Jumbos wenige Meter über den Köpfen der Badegäste am Strand landen. Ein beliebtes Schauspiel für Flugzeugfans. Für uns noch etwas eindrücklicher sind die Starts der grossen Flieger: die müssen nämlich in sehr kurzer Zeit richtig hoch hinauf zielen, um über die Hügel von St. Martin zu kommen. Ich kann mir gut vorstellen, wie die Piloten untereinander Horrorstories über die Starts auf Sint Maarten austauschen… das ist wohl so wie bei den Seglern, wo bei jedem mal Erzählen die Wellen höher und der Wind stärker werden. 😉

Aber dafür rollen wir hier fast nicht mehr hin und her und auch die Windwelle ist minimal. Da nehme ich problemlos einiges an Fluglärm auf mich und schlafe wohl trotzdem besser, als wenn es uns von einer Fussreling zur anderen hin und her rollt, oder die ganze Zeit auflandig am Anker zerrt und ich mir in der Koje ausmale, wie es bald plötzlich unter dem Kiel rumpeln könnte, wenn der Anker doch rutschen sollte.

Bald ist schon wieder ein Tag vergangen. Mit vielen Regenschauern, gelegentlichen Aufhellungen, einem knapp 1.5-stündigen „Verlegungsfährtchen“ unter der Genua (weil wir keine Lust hatten, für so kurze Zeit das Grosssegel auszupacken) mit Süsswasserdusche fürs Segel, einigen WhatsApp-Calls, etwas Büroarbeit, ein wenig kochen und in der Gästekoje blubbert ein Teig für ein frisches Brot dahin.

Ups, der Teig hat ein wenig mehr geblubbert als erwartet und ist “übergegangen” 🙂

Ein ganz normaler Tag auf unserer Reise eben. Luxus – den Tag so erleben können, wie er sich entwickelt.

Wie es weiter geht? Mir wei luege. Vielleicht bekommen wir ja morgen die lang ersehnte Tracking Number?