Einerseits sind wir ja schon am „hanging loose“ mit unserem lockeren Zeitplan. Heute (Do., 22.1.26) Morgen wollten wir eigentlich von Guadeloupe los legen, um nach Antigua zu segeln. Die zweitletzte Strecke nach Nordosten, bevor der Inselbogen nach Westen abbiegt. (Barbuda wäre dann die letzte.) Aber andererseits: so „loose“ hängen wir gerade eben nicht: die Ankerkette ist straff gezogen und übers Deck ziehen gerade ganze Wasserwände, gepeitscht von 30 Knoten Wind. Ungemütlich! Zwar meist nur kurz und dann ist die Sonne wieder zurück – bis jetzt. Deshalb hanging tight, eher als loose.
Mit der Vorhersage für dieses Wetter heute früh schauten sich der Skipper und ich nur kurz an und schon war der Entscheid gefallen. Neee, das suchen wir nicht wirklich: einen Amwindkurs mit 5-6 Bft und Böen darüber, gespickt mit vielen Schauern und das Ganze weg von einer Insel, die für uns noch viel Attraktivität bietet. Warum losziehen, wenn es hier doch noch immer passt? Der Luxus des Zeit-Habens zeigt sich mal wieder. Zeit haben wir noch viel: bis in fünf Wochen müssen wir auf Puerto Rico sein. Das sind ca. 350 SM. Eine Strecke, die wir schlimmstenfalls in einem Rutsch von ca. 3 Tagen und Nächten fahren könnten. Also: easy…

Und doch: ich erschrecke schon ein wenig, wenn ich feststelle, dass es schon wieder eine Woche her ist, dass wir Michelle schweren Herzens in Baie Mahault verabschiedet und danach den Rest des Tages mit „Retail Therapy“ im grossen Centre Commercial Destrellan verbracht hatten.
Für den Sonntag mit des Skippers Geburtstag hatte ich eigentlich erwartet, dass er sich einen Dinghy-Ausflug oder ähnliches wünschen würde. Aber es blies stark und war klar, dass so ein Ausflug eine ziemlich nasse Angelegenheit werden würde. So entschied der Skipper, dass er „zuerst mal schnell“ mit dem Einbau und der Einrichtung des neuen Autopiloten anfangen würde und dann könnten wir ja später schauen, ob sich ein Dinghy-Ausflug noch machen liesse. Jede/r andere Segler/in wird beim „mal schnell“-Gedanken an Bord eines Bootes nachsichtig den Kopf schütteln und lächeln: das gibt es nicht auf Booten. „Mal schnell“ funktioniert weder in der Navigation, noch in der Pantry, noch in der Mechanik und schon gar nicht in der Elektronik an Bord. Das Schiff verwandelt sich zwar innert kürzester Zeit in eine Baustelle, aber bis es wieder in einen segelbaren Zustand zurück kommt, kann das Stunden und auch Tage dauern. Die Götter werden sich bei dieser Äusserung ins Fäustchen gelacht haben. Aber das war uns in dem Moment noch nicht so klar.
So vertiefte ich mich (endlich mal wieder) in einen spannenden Krimi und warf gelegentliche Blicke zum Kartentisch, an dem sich die Kabel häuften und allmählich eine dunkle Wolke mit Ausrufezeichen, Blitzen, kleinen Bomben und war das nicht gerade ein Totenkopf? aufzusteigen begann…
Bis am Abend veränderte sich das Bild nur geringfügig. „Nur mal schnell“ hatte wieder zugeschlagen. Mit Hilfe eines lieben Überraschungsanrufs von Marc und Karin von der SY St. Raphael, die seit Wochen auf Curaçao mit bewundernswertem Humor und Gleichmut mit den Herausforderungen ihres schönen Stahlschiffs kämpfen (siehe ihr sehr empfehlenswerter Blog: https://sailing-st-raphael.de/reiseblog/), konnte ich ihn dann rechtzeitig für den Sundowner in Form einer Büchse „Caribe“ vom Kartentisch los-eisen.

Inzwischen hatte sea magiX eine sehr saubere, aufgeräumte neue Verkabelung ihrer Geräte bekommen und der neue Controller war eingebaut. Also alles paletti? Mitnichten – der digitale Kompass zeigte etwa um 120 Grad daneben und die Geräte wollten nicht miteinander kommunizieren. Zudem zeigte der Ruderlagegeber nicht mehr an – wir hatten also keinen Autopiloten mehr… Da zeichnete sich ein weiterer Arbeitstag ab, denn ohne Autopilot ist es für eine kleine Crew mit einem so flinken Boot wie sea magiX recht schwierig, länger unterwegs zu sein. Sea magiX fährt nicht brav geradeaus wenn man das Steuer mal kurz loslässt, oder nur irgendwie fest bindet… Der Skipper vertiefte sich also für weitere Stunden in Manuals und Kabeln, während ich versuchte, via die Küche für bessere Stimmung zu sorgen.
Für Montag hatten wir noch am Tag davor ein Auto für 25€ gemietet. In Baie Mahault, bzw. in ca. 2km Distanz und ca. 20-30 Minuten Fussmarsch. Der wurde nötig, weil wir die Bushaltestelle nicht also solche erkannt hatten und ihn deshalb um Sekunden verpassten. Naja, wir bewegen uns ja momentan sowieso nicht so viel.
Der etwas ramponierte Clio brachte uns dann aber ohne Probleme zu den Schwefelquellen von Sofaïa, dem Ausgangspunkt unserer gewählten Wanderung zum Wasserfall der Trois Cornes.
Eigentlich kein besonders schwieriger Wanderweg, aber nach den häufigen Regenfällen der letzten Tage eben doch eine grössere Herausforderung als erwartet: der Weg führte wie erhofft durch den faszinierend grün schillernden Feuchtwald mit seiner unendlichen Vielfalt an Flora (und wohl auch Fauna, nur sehen wir die als Laien kaum). Grüntöne in allen Schattierungen. Pflanzenblätter in allen Formen und Grössen (vor allem 4XL), riesige Bäume, Schlingpflanzen, Farne und dazwischen immer wieder auch kleinste Blümchen oder sonstige Pflanzentriebe. Und am Boden den ganzen Weg lang die verzweigten, rutschigen Wurzeln, in deren Löchern tiefer Matsch nur so darauf wartete, einen unserer Wanderschuhe zu verschlucken.
Die Herausforderung war es, nirgends auszurutschen und mit noch immer beiden Schuhen unten beim Flüsschen und dem Wasserfall anzukommen. Wir schafften es – ohne Malheur – aber zum Preis von ständiger hoher Konzentration auf den nächsten Schritt.
Als wir mit schlammigen Schuhen und Waden wieder am Parkplatz eintrafen, hatten wir zwar nichts für unsere Kondition oder Fitness gemacht, dafür aber unseren Gleichgewichtssinn trainiert und einmal mehr den faszinierend lebendigen Feuchtwald genossen.
Die schwefeligen Duschen von Sofaïa zogen uns nicht so an, obwohl sie gleich dort am Parkplatz öffentlich zugänglich waren. Es roch halt schon sehr stark nach faulen Eiern… Stattdessen putzte der Skipper unsere Schuhe in einer Pfütze und wir fuhren zum nahen Musée du Rhum.
Dort sprach uns der Garten mehr an als die Ausstellung und schon bald waren wir wieder unterwegs, der Küstenstrasse entlang. Ein idyllisch gelegenes Restaurant in der Baie de Cugny lieferte zwei feine Espressi.
Dann gings weiter über Deshaies, das (wie üblich) recht voll mit Ankerliegern wirkte, wieder zur Passstrasse Route de la Traversée.

Von früheren Besuchen wissen wir, dass hier die Cascades des Ecrevisses tagsüber sehr gut besucht sind. Auf der anderen Strassenseite liegt aber ein Picknickplatz am Fluss, der um diese Zeit (es war inzwischen ca. 16h) schon menschenleer ist. Hier konnten wir genüsslich im Süsswasser baden und den Schweiss und Dreck der Wurzelwanderung gründlich loswerden. Was für eine erfrischende Wohltat!
Am Rückweg nochmals kurz im Centre Commercial vorbei, um ein paar schwerere Dinge wie Wein- und Saftkartons und Waschmittel zu besorgen, dann beim Friedhof noch die Wasserkanister füllen und schon bald waren wir mit vielen Bildern und weiteren Eindrücken von dieser so vielseitigen Insel wieder zurück an Bord von sea magiX.
Der Dienstagmorgen war für mich für Arbeitstermine reserviert, während Bänz das Auto zur Vermietung zurück brachte und sehr unkompliziert von ihr zum Dinghysteg geführt wurde. Danach zog es uns hinaus aus unserem sicheren Schlupfloch, um den Autopiloten vielleicht unter Fahrt zum Laufen zu bringen. Wir drehten im noch ruhigen Wasser hinter den Riffs diverse Kringel, aber der Kompass liess sich nicht kalibrieren und auch der Autopilot blieb unsichtbar. Nach 2 Stunden Gegenanmotoren hatten wir unseren neuen Ankerplatz auf ca. 3m Wassertiefe erreicht: mitten in der riesigen Bucht vor dem Örtchen „Le Petit Canal“. Ein sehr ungewohntes Gefühl, denn „vor dem Örtchen“ heisst mit etwa 1.5 SM Distanz zum Ufer nach vorne und ca. ½ SM zur Seite. Näher ran trauten wir uns wegen der geringen Wassertiefe nicht, aber hier waren wir vor dem Schwell aus Norden gut geschützt und hatten unendlich viel Platz, um sea magiX an 40m Ankerkette umherschwingen zu lassen, was sie auch genüsslich und mit viel Energie so tat, während wir beide den Rest des Tages unter Deck verbrachten. Der Skipper weiterhin mit dem Autopilot-Problem und die Crew mit ihrer Buchhaltung, mit der sehr willkommenen Unterbrechung durch einen langen WhatsApp-Call mit unseren Freunden Baba und Robi von der SY Maxi. Gerade an solchen Ankertagen wird immer wieder deutlich, wie schön und wichtig uns diese Kontakte sind.
Bis am Abend hatten wir dann traurige Gewissheit: das Autopilot-Problem konnte mit dem neuen Controller nicht gelöst werden. Und so folgte ein weiterer, frustrierender Tag für den Rückbau zum alten Gerät. „Nur mal schnell“ hatte diesmal in äusserst heftiger Form zugeschlagen. Wie Bänz in gewohnt positiver Art feststellte, hatte er zwar sehr viel über das Bordnetzwerk und die einzelnen Geräte gelesen und gelernt, hatte aufgeräumt, schön verkabelt, und ein sehr detailliertes Fachwissen aufgebaut. Aber wir werden nun trotzdem auch die nächsten Monate mit dem alten Autopiloten unterwegs sein, der ja ausgetauscht werden sollte, weil er mit zunehmendem Alter öfters unerwartete Aussetzer hatte und wir ihm nicht mehr so richtig trauen…
Seit gestern früh wären wir jetzt aber wieder abfahrtbereit. Stattdessen beschlossen wir gestern, die nächsten zwei Schauertage durchziehen zu lassen und die noch ruhigeren Morgenstunden zu nutzen, um mit dem Dinghy „Le Petit Canal“ zu erforschen. Das Örtchen ist wirklich „petit“, bietet aber einen perfekten Dinghysteg für die vielen Fischerboote, die von hier aus starten und auch eine Gedenkstätte mit Museum über die Sklaverei auf Guadeloupe.
Und… den Coiffeur Patrice, der gerade Zeit hatte für meine Haare. Es ging ruckzuck während in der Selfservice-Laverie unsere Wäsche drehte und schon bald hatte ich wieder einen praktischeren Kurzhaarschnitt. Für rekordverdächtige 13€.
Am Rückweg erforschten wir noch mit dem Dinghy den alten Hafen mit einem inzwischen total verrosteten Kran mit Hand-Kurbelantrieb.
Nachmittags verlegten wir in einer Schauerpause dann doch aus unserer einsamen Lage im weiten Wasser näher ans Land vor Port St. Louis. Hier ist der Weg zum Café oder zur Bar nun doch etwas weniger weit. Und die Grille, die sich wohl schon in Baie Mahault irgendwo in unserem Dinghy eingerichtet hat, hat eine Chance, vielleicht wieder an Land zu gelangen, bevor wir uns aufraffen und in Richtung Antigua losfahren. (Ein unerwartetes Geräusch, wenn vom Dinghy her mitten im Meer das typische Zirpen ertönt! Ob Grillen wohl seekrank werden können?)
Antigua? Morgen? Übermorgen? Die Unruhe beginnt sich allmählich auszubreiten. Andererseits – es gefällt uns hier eben auch noch immer und gerade zieht wieder ein Schauer in unserem Süden durch… Und abends, wenn sich der Wind legt, zaubert es hier so wunderschöne Stimmungen.
Mal sehen, wie lange wir hier noch abwechselnd locker oder dicht hängen. Watch this space 😊.
… und hier noch ein kleiner Nachtrag. Unsere Berichte haben Schwager Markus zur kreativen Umsetzung mit etwas KI-Hilfe inspiriert. Er trifft mit seinem Bild den Nagel auf den Kopf. Merci Markus! 🙂


































































