Es gibt sie doch noch, die Möglichkeiten, allein in der Bucht am Anker zu hängen. Nur mit den Geräuschen des Winds im Rigg, des Plätscherns des Wassers am Heck und am Dinghy, den Vögeln in den nahen Mangroven und gelegentlichen Flugzeugen, die über die Insel ziehen. Sea magiX schwingt gemütlich hin und her im glatten Wasser, und es gibt keine Sekunde lang Zweifel, ob der Anker halten werde. Ein sehr gutes Gefühl!
Wo es dies gibt? In der „Ensenada Honda“ im Südosten von Vieques, einer der Spanish Virgin Islands wenige Meilen östlich von Puerto Rico. Ok, in diesem Moment nähert sich gerade eine andere Segelyacht… mal sehen, ob sie die Nähe sucht, oder vielleicht doch auch gerne ein eigenes Plätzchen unter den vielen Möglichkeiten dieser grossen Bucht bevorzugt.
Vieques wurde ab 1941 bis nach der Jahrtausendwende von den Amerikanern als militärisches Übungskampfgebiet genutzt. Über die Konsequenzen davon für die lokale Bevölkerung, und auch für die Natur der Insel, gibt es diverse Berichte. Bis vor kurzem galten die Buchten im Osten der Insel als „no anchoring zone“ wegen der Gefahr nicht explodierter Munition. Das Ankerverbot wurde aber inzwischen aufgehoben und so kommen wir in den soeben beschriebenen Genuss von Einsamkeit und perfektem Schutz.
Die Ensenada Honda ist rundum mit Mangroven bewachsen. Schräg quer über ihren Eingang liegt ein Riff. Um in die hinteren Ecken zu gelangen, wo wir derzeit liegen, muss man sich ein wenig im seichten Wasser um die Riffs schlängeln. Die Riffs sorgen dann aber dafür für das so ruhige Wasser und den vollständigen Rundumschutz. Ein Traum-Ort für uns, der uns sogar ein wenig an die Tage in den Criques in Französisch Guyana erinnert.
Auch die Tage davor konnten wir an einem Traum-Ort verbringen. Zwar sehr viel weniger einsam, aber ebenfalls wunderschön: das Inselchen Culebrita ist die kleine Schwester der Insel Culebra. Ebenfalls Teil der Spanish Virgin Islands. Auch dort gibt es keine Restaurants, Bars oder sonstige Anziehungspunkte der Zivilisation. Nur den Leuchtturm, den Sandstrand, einige Ziegen (culebras), viele Schildkröten – und einige Segler, sowie Tagestouristen. Ein schöner Schnorchelausflug in der Bucht führte uns zum nahe gelegenen Riff, unter dem wir auch einen grossen Hummer in seiner Höhle beobachten konnten, sowie unzählige kleine und grössere Fische in allen Farben. Nur die vielen ums Schiff schwebenden, treibenden und gelegentlich prustenden Schildkröten wollten nicht mit uns schwimmen. Sie tauchten wieder auf, kaum dass wir aus dem Wasser waren. Auf Culebrita verbrachten wir zwei ruhige Tage mit B&B (Büroarbeit und Baden 😉), verliessen die Insel dann aber gestern Morgen etwas schneller als geplant, als der Schwell begann, sich am Riff aufzubauen. Ich befürchtete, dass sich die Welle bis über die ganze schmale Einfahrt ziehen könnte, und wollte nur noch raus aus der potenziellen Mausefalle.
Nach Culebrita waren wir von St. Thomas, einer der US Virgin Islands her gekommen. Dorthin hatte uns von Buck Island bei St. Croix her ein wunderbarer, schneller und doch angenehmer Halbwindkurs gebracht. Ein Blick in die Anker- und Bojenliegemöglichkeiten rund um Water Island, gleich neben dem Hauptort Charlotte Amalie, ergab für uns keine ansprechenden Ankermöglichkeiten. Die sogenannte „Honeymoon Bay“ auf Water Island wirkte sehr voll und ihr Blick zeigte direkt auf die Ölreservoirs und die Industrie gegenüber. Wir segelten noch ein wenig weiter um die ins Wasser hinaus gebaute Landebahn des Flughafens von St. Thomas herum und wählten den zwar lauteren, aber trotzdem schöneren und besser geschützten Platz in der Brewers Bay. Dort ist wegen eines Korallen-Revitalisierungsprojekts der University of the Virgin Islands ein Feld mit Ankerverbot markiert. Es sind aber ein paar – scheints gut unterhaltene – Bojen gesetzt und wir ergatterten eine davon für uns.
Mit dem Dinghy ruderten wir (bzw. der Skipper ruderte 😊) an Land und gingen auf Erkundungsspaziergang. Auf einen in App-Kommentaren erwähnten Trail in einem ausgetrockneten Bachbett hatten wir dann aber doch keine Lust und auch das Spazieren an der Strasse hatte wenig Reiz. Nach zwei Stunden waren wir wieder zurück am Strand, hatten im äusserst ordentlichen, wie üblich hochpreisigen aber gut ausgerüsteten kleinen Supermarket einen grünen Salat erstanden und beschlossen, auch das kühle Bier lieber an Bord zu geniessen, als am Strand von einer der Strassenbuden zu kaufen.
Für die Weiterfahrt stellte sich dann die Frage, ob wir noch ein wenig zwischen den Buchten von St. Thomas umher segeln wollten, oder eben allmählich westlich zu den Spanish Virgins zielen würden. Die Entscheidung für weiter westlich fiel vor allem, weil wir uns an schöne Tage und die netten Menschen auf den Spanish VIs erinnerten. Die schönen Tage haben wir schon wieder gefunden. Mit den Menschen hatten wir noch keinen Kontakt; das wird erst in den nächsten Tagen wieder aktuell.
Mit der Ankunft auf Culebrita waren wir auch aus Sicht der Customs and Border Protection Behörden auf den Spanish Virgin Islands, die zu Puerto Rico gehören, angekommen. Somit wurde das Einklarieren wieder ein Thema. Würden wir aufgefordert, wieder auf Culebra zum Flughafen zu pilgern, um die Formalitäten zu erledigen? Gespannt warteten wir auf die Reaktion auf unsere Anmeldung in der App. (Und waren froh, dass bei meinem Mobile-Abo 40 GB Daten in den USA mit Puerto Rico und den VIs dazu gehören.) Und siehe da – nach wenigen Minuten schaltete die Nachricht auf des Skippers Handybildschirm von „processing“ auf „halten Sie sich bereit für einen Videocall“ um. Es folgte ein kurzes Gespräch, in dem der (natürlich unsichtbare) Beamte am anderen Ende die üblichen Fragen nach Einfuhr von Waffen, Drogen, Menschenhandel und Saatgut und Früchten stellte, ein wenig über unsere geplante Route wissen wollte, dann nochmals den Flaggenschein sehen wollte und schon bald meinte, „you’re all set“ und das Gespräch beendete. Sekunden später erschien in der App die Nachricht, dass wir einklariert seien und zugleich das Cruising Permit bekommen hatten, das uns ein Jahr lang erlaubt, in den US-Gewässern ohne Limitierungen zu segeln. Bürokratie erledigt! Sehr erfreulich.
Eine andere organisatorische Aufgabe betraf unseren Autopiloten, bzw. dessen Brainbox. Zwei Wochen nachdem wir ihn bei Guï Guimaraes, dem Raymarine-Händler in St. Maarten aufgegeben hatten, waren wir noch immer ohne Nachricht des Ersatzes. Ich startete also die nächsten Auskunftsbemühungen. Guï wies meine Anrufe mit dem Hinweis ab, er sei in Gesprächen und werde zurückrufen. Gerade als ich die Geduld zu verlieren drohte, kam eine andere WhatsApp-Nachricht: die Tracking Number. Die Box war endlich unterwegs! Nun ging es ans Organisieren einer Möglichkeit, wie wir sie bekommen könnten, ohne im April wieder gegen den Wind nach St. Maarten segeln zu müssen. Und da zeigt sich einmal mehr die schöne Hilfsbereitschaft in der Segler-Community. Viele Nachrichten gingen hin und her. Alle dachten mit, boten Zwischenschritte und Hilfe an, oder vermittelten andere Segler, die vielleicht auch helfen könnten. Inzwischen ist der schliesslich entstandene Plan in der ersten Ausführungsphase und die Box wird via diverse Zwischenschritte in die Schweiz und dann wieder nach Puerto Rico reisen. Wir sind all den so hilfsbereiten Beteiligten und Mitdenkenden sehr dankbar! Und natürlich auch sehr gespannt, ob das alles so wie geplant klappen wird. Eines ist sicher: wenn die neue Brainbox dann endlich an Bord eingebaut ist, werden viele am Ergebnis interessiert sein: funktioniert sie dann? Also hat sich der Aufwand so vieler Menschen gelohnt? We’ll see…

Inzwischen hat sich die ankommende Segelyacht ca. 150m hinter uns gelegt. Wir Menschen sind eben auch Herdentiere… aber es hätte auch weniger Distanz sein können, also seien wir doch zufrieden. 😊 Es ist Mittag, wir schwojen im Wind hin und her, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, das Wasser plätschert am Rumpf… im Moment gibt es ganz viele Gründe, zufrieden zu sein.

Wir können uns schon auf den nächsten schönen Sonnenuntergang freuen. Und auf die weiteren danach. Einmal mehr wird uns bewusst, welches Luxusleben wir hier führen.





























