Raumschotsfahrt mit Intermezzi

Meinen ersten Wecker ignorierte ich einfach. Erst als er sich insistierend ein zweites Mal meldete, wurde er wirklich wahrgenommen. Eigentlich auch verständlich: wir sind es nicht mehr gewohnt, so früh geweckt zu werden. Es war 04:45h und wir wollten die erste Schleusung aus dem Neuen Hafen um 06.00h oder vorher nutzen, um mit noch genügend ablaufendem Wasser aus den stärksten Strom-Gebieten der Weser herauszukommen und dann nordwärts nach Büsum zu gelangen.

Auf der Weser herrschte emsiges Treiben von grossen Pötten, deren Lotsen sich über die auch im Fahrwasser herumflitzende Segeljacht ärgerten. Nach einem deutlichen Anschiss von hoch oben herab querten wir das Wasser doch noch vor dem majestätisch herannahenden Kreuzfahrtschiff und verkrümelten uns in den schmalen Streifen zwischen den grünen Bojen und den Buhnen des Leitdamms. Mit mehr als 9kn Fahrt über Grund rauschten wir die Weser hinaus und freuten uns, dass wir weiter kommen würden als erhofft, bevor die Tide drehte. Als sie dies dann machte – innert weniger Minuten, bzw. wohl auf der Distanz etwa einer Meile – war das Resultat im Wellenbild mal wieder beeindruckend und schwierig zu steuern. Das Wort „kabbelig“ klingt ja schon so, wie sich die Fahrt in solchem Wasser anfühlt.

Die Dame von Cuxhaven Radar hatte wieder Dienst, die uns beim Herunterfahren schon sehr unmissverständlich darauf hingewiesen hatte, dass sie uns nicht dort haben wollte, wo wir gerade waren. Diesmal segelten wir deshalb der grossen Elbe-Fahrstrasse entlang nach Osten und querten die Elbe dann genau senkrecht (mit Hilfe des Motors, weil der Wind natürlich genau dann zu schwach und genau von hinten gekommen wäre) weit neben dem Verkehrstrennungsgebiet. Obwohl wir genau hinhörten, gab es diesmal zu unserem Schiffsnamen keinen Mucks. Brave Segler…

Wir sind klar erkennbar ausserhalb des Fahrwassers
Häufiges Bild auf den grossen Flusseinfahrten

Es war seit dem frühen Morgen grau und ganz leicht nieslig mit einem relativ konstanten 12-16-kn-Wind aus südlichen Richtungen. Plötzlich drehte der jedoch auf; ohne ersichtlichen Grund. Es war weit und breit kein Schauer zu sehen – nur einfach der Wind, der von vernünftigen 4 Bft auf 6 Bft Starkwind aufdrehte. Wir hatten kurz davor Gisela in den Dienst genommen, und schalteten noch schnell den Kühlschrank ein, um ihr genug Last zu geben, bevor wir uns ans Reffen machten.

Kaum waren beide Segel verkleinert, war der Wind schon wieder vorbei. Als Bänz etwas später Gisela wieder herausnahm wurde klar, dass diejenige, die in jener kurzen Rauschefahrt am meisten gelitten hatte, unsere arme Wassergeneratorin war: ihre Propellerblätter waren alle drei verbogen und teils sogar gebrochen. Wir können uns nicht genau erklären, was passiert war, aber vielleicht war dies einfach der letzte Wind-Strohhalm, der ihr das Genick bzw. die Propellerblätter gebrochen hatte.

Das Fahrwasser nach Büsum hinein heisst „Süderpiep“. Es gibt auch eine „Norderpiep“ und diverse andere schöne Namen, wie zum Beispiel Rütergat oder Bielshövenerloch, etc. Die Süderpiep führt ca. 20 SM lang fast genau nach Osten und ist schön tief; gut für meine Nerven. Nur zuletzt dreht sie noch ein wenig südlicher, so dass wir anluven mussten und die vollen Segel doch etwas zu gross waren. Im Sinne meines Muckitrainings (danke, Madeleine, für den Ausdruck!) zog ich kräftig an der Genua-Reffleine und freute mich, als es 20cm kam. Dann sass es fest: die Leine war schon wieder verklemmt. Nur hatten wir diesmal nur das schmale Fahrwasser Platz zum manövrieren. Der Skipper sprang sofort mit Umlenkrolle und Werkzeug in Aktion, während ich mit weit aufgerissenen Augen auf den Fahrwasserrand zu steuerte, der unerbittlich und ziemlich schnell näher kam. Ich rechnete mir aus, dass zwar Hochwasser sei, und wir vielleicht noch ein paar Meter mehr Platz hätten, aber ich wusste auch, dass das Fahrwasser auf beiden Seiten von Sänden begrenzt wird und wir fallende Tide hatten. Wir hatten den roten Tonnenstrich gerade überfahren, als ich wieder anluven und ins Fahrwasser zurück steuern durfte. Die Genua verkleinerten wir dann zu zweit mit Zughilfe vorne bei der Rolle. Danach mussten wir uns beide setzen, um das Adrenalin abbauen zu können.

Büsum erreichten wir etwa um 16h und fanden im Aussenhafen eine freie Box, die auch bei Niedrigwasser noch fast 1.8m Wasser haben sollte. (Es war dann etwas weniger, aber wir steckten schön im weichen Schlick mit dem Kiel und der Rest schwamm noch immer.) Beim Ankertrunk merkten wir, wie müde wir beide waren. Das frühe Aufstehen nach wenigen Stunden Schlaf und die Aktivitäten des Tages hatten uns doch recht mitgenommen. Die Energie reichte noch knapp für einen Minispaziergang und dann für die Behandlung der Patienten (Gisela bekam ihre grossen Original-Propellerblätter zurück, mit welchen sie ab etwa 6.5kn Fahrt in Panik gerät und wild zu piepsen beginnt. Und die Genua-Reffleine wurde an ihrem Anfang mit einer dünnen Leine innen gefüllt, damit sie zu dick wird, um in den Spalt zwischen Rolle und Schiff gezogen werden zu können.).

Büsums Aussenhafen mit dem Segelverein
Genua-Reffleinen-Behandlung

Die Planung für den nächsten Tag wurde deutlich weniger detailliert und gründlich vorgenommen als sonst üblich: während der Küstenseewetterbericht von DWD südliche Winde vorhersagte, wurde im Wetterwelt-Programm klar, dass die erst im Verlauf des späteren Vormittags kommen würden und vorher Flaute herrschen würde.

Da das erste Hochwasser morgens um 3h war und wir spätestens 2 Stunden nach Hochwasser losfahren wollten, war klar, dass wir nicht nochmals eine Morgens-Aufstehaktion durchziehen wollten, nur um danach dann stundenlang zu motoren, weil kein Wind blies. Start mit dem Nachmittagshochwasser war somit klar. Es war ein schönes Gefühl, früh in der Koje zu sein und zu wissen, dass am nächsten Morgen Ausschlafen angesagt war.