Vive la France!

Wir sind inzwischen im Lande der Baguettes angekommen. Das Land der Pommes Frites au Mayo haben wir ziemlich schnell wieder hinter uns gelassen. Nicht etwa, weil uns die Pommes oder Moules nicht interessiert hätten, aber einfach, weil der Wind es gerade so wollte und die Tagespläne wie so oft flexibel gehandhabt wurden.

Als wir nach einem der Tide geschuldeten gemütlichen Start von Oostende losfuhren, war eigentlich Dünkirchen auf dem Plan, denn Wind war wenig angesagt. Es ergab sich dann aber doch eine Brise, die für den Gennacker passte, und so segelten wir entlang der Sandküste mit Bettenburgen, zwischen den Sandbänken hindurch nach Südwesten. Ich habe noch immer meine Liebe zu dieser Küste nicht entdeckt. Zwischen den nur selten bezeichneten Sandbänken fühlt man sich ständig gefangen und am Land gibt’s nichts zu sehen – im Gegenteil, die Bettenburgen sehen vom Wasser her eher abschreckend aus. Dünkirchen hatten wir schon bald erreicht und stellten fest, dass es noch immer gut lief, noch immer die Sonne – wenn auch durch Schleierwolken – schien und wir noch immer Lust auf Weitersegeln hatten, zumal die Wind- und Wettervorhersage für die nächsten Tage weiterhin «trümmlige Winde» angaben. Zudem wirkte Dünkirchen aus der Wasserperspektive sehr wenig einladend. Es ist ein riesiger Hafen mit einem Ost- und einem West-Eingang und dazwischen viel Raffinerie und sonstiger Industrie. Am Damm zwischen den Hafeneingängen fuhren die Sonntagsausflügler mit ihren Autos hin und her; es sah aus wie viele farbige Käfer, die da rumkrabbelten.

Wir nutzten die Wind-Gelegenheit und segelten weiter nach Calais. Bis dahin hatte der Wind beträchtlich zugenommen, aber eben auch der Gegenstrom. So hatten wir 7.5kn Fahrt durchs Wasser und teils doch nur 4.5 über Grund, was dann auf erschreckend weniger zurückfiel wenn der Kurs oder der Wind änderte. Den haben wir in dieser Gegend übrigens als ziemlich wechselhaft erlebt. Vor der Einfahrt nach Calais hörten wir am Funk mit, wie zwei andere Segler von Calais Port Control unmissverständliche Anweisungen (=freundliche Formulierung für einen Ansch…) bekamen. Der eine hatte sich nicht angemeldet und wurde sehr deutlich darauf hingewiesen, dass das so nicht gehe und er dann sicher daran denken solle, bevor er wieder gehen wolle. Und dem anderen wurde gesagt, er müsse ausserhalb des Hafens warten. Bänz meldete uns deshalb brav an und schlug vor, dass wir hinter der nächsten Fähre hineinfahren würden. Der Vorschlag wurde zuerst nicht sofort angenommen, dann aber doch noch und wir fuhren an dem anderen wartenden Boot vorbei hinein… ? Tja, so gemein; Musterschüler eben.

In die Marina von Calais kommt man, wenn die Brücke und das Schleusentor öffnen. Dies geschieht jeweils von etwa einer Stunde vor bis etwa einer Stunde nach Hochwasser. Wir hatten es genau getroffen und konnten bald von unserer Boje im Vorhafen los und in die Marina hinein. Bald waren wir fest und konnten uns auf das verschobene Filet-Gulasch freuen.

Die Wetter- und Windvorhersage für Montag war noch weniger ansprechend als jene vom Sonntag gewesen war, mit teils 0-2Bft Wind aus allen möglichen Richtungen. Der Skipper beschloss, dass er eigentlich wenig Lust habe, früh aufzustehen, nur um dann rumzuhängen oder zu motoren. Die Crew pflichtete ihm – wie könnte es auch anders sein – durchaus bei. So gab es am Montag einen Hafentag, mit Ausschlafen, Büroarbeit und diversen Pendenzenbehebungen und eigentlich war auch ein längerer Spaziergang geplant, der aber den Pendenzen zum Opfer fiel. Eine der Aktionen war das Ausprobieren der Sturmfock, die einen neuen Hals und Stagreiter bekommen hatte. Beim Auspacken schnitt sich Bänz daran eine rechte Schramme in den Finger. Auf der Suche nach dem Übeltäter – wir hatten eine vergessene Nadel im Verdacht – schaffte auch ich es, mir einen Schnitt im Daumen zu holen. Wir bluteten wie die Weltmeister. Kann es sein, dass der viele Früchtetee (viel Hagebutte? Kirsche? Holunder?) eine antikoagulierende Wirkung hat? Immerhin hatte ich den Übeltäter mit meinem Daumen noch gefunden: es war ein Glassplitter unter der Etikette! Dumm wenn das Segel gefährlicher ist als das dazugehörige Wetter!

Calais erforschten wir dann wie erwähnt nicht all zu lange mehr, denn im Verlauf des Tages hatte sich der neue Plan ergeben, am Abend noch ein paar Stunden angesagte Brise zu nutzen, um weiter nach SW zu kommen. Trotzdem – beim Einkaufsspaziergang entdeckten wir eine neue Seite der Hafenstadt. Ich merkte, dass ich Calais bisher hauptsächlich als Durchgangsort wahrgenommen hatte, wo man die Fähre nach UK nimmt. Davon gibt’s übrigens unzählige – sie kommen etwa im Halbstundentakt hinein bzw. hinaus. Wie das denn wohl in Zukunft gehen wird, wenn der Brexit tatsächlich stattfindet und vor der Fähre der Zoll abgefertigt werden muss? Keine Ahnung.

Das Städtchen Calais, bzw. der Teil, den wir gesehen haben, ist recht interessant. Es vermischen sich die seelenlosen Reihenhäuser mit älteren Gebäuden, modernisierte Plätze mit dem alten Glockenturm und auch diverse Parks mit wunderschönen Gartenanlagen, in welchen die Locals Boules spielen. Die Skulptur mit Churchill und De Gaulle, die auf das fragmentierte Frankreich blicken und ein Neues planen, hat mich beeindruckt. Der Dom steht ebenfalls mitten in einem wunderschönen Garten, der leider nicht zugänglich war. Aber auch die Blumenbeete ausserhalb des Gitters sind alle mit Rosmarin eingefasst… wir nahmen gleich zwei Zweiglein davon mit für unser Abendessen. Es hatte wirklich genug davon, dass ich es mit meinem Gewissen vereinbaren konnte.

Um 19.39h gings dann mit der zweitletzten Brückenöffnung wieder aus der Marina hinaus an die Boje im Vorhafen und von dort aus dann gegen 21h, als der Strom wieder Westwärts zu laufen begann, hinaus aus dem Hafen. Sehr zur Überraschung des Herrn von Calais Port Control: «Vous voulez quitter le port???! » fragte er völlig entgeistert, als ich um die Ausfahrterlaubnis bat.

Es war ein sehr schöner Abend, wenn auch – wie übrigens schon die letzten Tage – immer noch ziemlich kühl, so dass ich mal wieder froh um meine Merino-Shirts war. Unter der Backbord-Saling zeigte sich der Halbmond, über dem Land verfärbte sich der Himmel via Rosa und Lila zu Dunkelblau. Die Brise war etwas schwach zu Beginn, nahm dann aber auf angenehme 10kn zu, und sobald wir das Cap Griz Nez erreicht hatten, wurde das Wasser ruhig und es plätscherten nur noch die kleinen Wellen gegen die Bordwand. Im Nordwesten sah man die Küste Englands und dazwischen zogen die grossen Pötte auf ihrer Dover Strait Route vorbei. Den kurzzeitig vorgebrachten Vorschlag des Skippers, doch an Boulogne sur Mer, das etwa 25 SM von Calais entfernt war, vorbei und bis Dieppe weiter zu fahren, lehnte ich dann aber doch ab – es war einfach zu kalt für freiwillige Nachtfahrten.

So erreichten wir gegen Mitternacht – mitlaufender Strom sei dank – die beiden Molenköpfe von Boulogne. Der linke Molenkopf steht am Ende einer teils versunkenen Hafenmauer, die ein riesiges Vorhafen-Becken umfasst. Da kann man dann bei der N bis NE-Brise, die wir hatten, perfekt dahinter ankern. Wir waren allein auf weiter Flur und konnten unser Plätzchen in aller Ruhe finden. So kamen wir – bei gerade untergehendem, orangem Mondschein – zu unserem ersten Ankermanöver auf dieser Fahrt. Bei leisem Schaukeln schliefen wir dann tief und fest, fast wie in einer Ankerbucht.

Der Dienstagmorgen präsentierte sich zwar noch grau-blau aber trocken und weiterhin mit leichter Brise, wie angesagt. Pünktlich mit dem Beginn des West-setzenden Stroms hoben wir den Anker und nahmen wieder Kurs nach Südwesten; Richtung Dieppe. Das Hoch lag noch immer direkt über uns und so bescherte es uns auch weiterhin stark drehende, leichte Winde. Im Verlauf des Tages hatten wir wohl von Südwest mit Kreuzen bis Nordost mit dem Gennacker alle Richtungen. Am frühen Nachmittag kam dann auch noch die Sonne heraus. Als wir 10SM vor Dieppe waren, lief es mal gerade wieder sehr gut. Planänderung – es ging weiter nach Fécamp; ca. 40SM weiter westlich. Es zieht uns westwärts, so lange es geht, denn wir wissen, dass ab Freitag der hier eher übliche Westwind wieder da sein wird und vorher weiterhin «variable 3 or less» angesagt ist. Deshalb nutzen wir die Gelegenheit und machen Weg nach Westen, so lange es gut geht.

Im Gegensatz zur holländisch-belgischen Küste gefällt uns dieser Abschnitt hier sehr gut. Sie ist felsig mit ähnlich schroffem hellem Kalkstein wie in Südengland. Dazwischen liegen grüne Einschnitte mit Dörfern oder Anwesen (ok, manchmal ist auch eine KKW Power Station dabei), und im goldenen Abendlicht wirken die Felsen mit ihren erodierten Streifen fein ziseliert und farbig.

Unter Genni geht’s weiter westwärts und die Verhältnisse sind so angenehm, dass wir ein feines «Risotto Boulogne-Fécamp» kochen und geniessen können, bevor der Wind dann einschläft und wir die letzten Meilen motoren müssen. Da wird dann nach längerer Energiespar-Ausschaltung auch wieder das AIS eingeschaltet, damit unsere Verfolger auf marinetraffic.com nicht eine Vermisstmeldung aufgeben. Doch doch, wir sind noch da!

Fécamp selbst wird spannend. Die Einfahrt ist mit nur 1-1.5m Kartentiefe angegeben. Das reicht nicht für unsere 2m Tiefgang, aber wir rechnen mit den knapp 2m Gezeit, die bei Niedrigwasser noch mindestens dazu kommen sollten. Bei der Einfahrt sind es dann tatsächlich immer etwa 5m Tiefe. In der Marina wundern wir uns, dass der Besuchersteg C fast leer ist, nehmen aber trotzdem gerne einen der freien Plätze und sind gegen 23h fest vertäut. Beim anschliessenden kurzen Erkundungsspaziergang zur Hafenmeisterei und romantisch an den Molenkopf lesen wir, dass die Marina für Visiteurs wie uns vom 7.-9.7. um 23h gesperrt war, weil die Tour de France à la Voile soeben dort zwischengelandet war. Na, da haben wir aber Glück gehabt mit unserem Timing! Tiefbefriedigt geht’s bald nach dem Ankertrunk in die Kojen; morgen wollen wir unser Glück trotz der weiterhin angesagten Schwachwinde schon vor 8h versuchen, um vielleicht nach Le Havre oder Honfleur oder so zu kommen. Die Variante quer über die Nordküste bis Cherbourg haben wir verworfen als wir die Prognose von Wetterwelt sahen: dort wird uns eine Fahrt von ca. 27 oder mehr Stunden prophezeit für die knapp 80SM; den Frust wollen wir nicht. Inzwischen haben wir übrigens schon mehr als 540SM hinter uns und sind sehr froh, dass wir letzte Woche das Wetterfenster von Cuxhaven und dann jenes von Helgoland erwischt hatten. Sonst wären wir vielleicht noch immer dort, da ja «unser» Hoch auch noch immer hier über uns fest sitzt. Für uns ist das perfekt; schönes Wetter und trotz allem Winde, mit welchen wir etwas anfangen können. Es geht uns sehr gut!