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Martinique – wir gehen in die Verlängerung

Die Fahrt entlang der Leeseite von Martinique nach Süden war wie immer geprägt von böigem Wind im quasi glatten Wasser. Wir hatten schon gewohnheitsmässig das erste Reff eingezogen und die Genua ebenfalls im ersten Reff eingerollt. Trotzdem: Immer wenn es zwischen den hohen Pitons hindurch blasen konnte, legte sich sea magiX auf die Seite, bis wir das Grosssegel ein wenig entlasteten, um sich dann wieder ganz plötzlich aufzurichten, sobald wir in den Windschatten irgendeines Bergs kamen. Leeseiten-Segeln, eben. Vor lauter Steuern und Segel justieren kamen wir kaum dazu, die schöne Landschaft zu geniessen, an der wir vorbeizogen. Es fiel aber stark auf, wie viel brauner die Vegetation jetzt war, als bei unserem letzten Besuch im Dezember/Januar. Überall konnte man die kleinen grünen Blätter erahnen, die nur noch darauf warteten, dass die täglichen Schauer des Frühlings und Sommers begannen, um auszuschlagen. Auch die Flammenbäume begannen gerade zu blühen, so dass sie weit hinaus ins Meer leuchteten. Und die Bougainvilleas mit ihren knalligen Farben in allen Variationen konnte man ebenfalls vom Wasser aus erahnen.

Bei so viel Ablenkung bemerkte ich erst recht spät, dass sich aus der Bucht von Fort de France ein Schleppverband noch schnell vor uns durch mogeln wollte. Ich hatte den Schlepper schon gesehen (und gedacht, ich käme schön an seinem Heck vorbei), aber erst spät bemerkt, dass 200m hinter ihm ein riesiger Leichter daherkam, verbunden mit ganz dicken Schleppseilen. Da gab es nix – wir mussten wenden, und zwar schnell… Der Schlepper zog unbeirrt weiter und drehte erst später ab. Der hatte uns wohl gar nicht gesehen. Hui, das hätte hässlich ausgehen können! Ok, ab dann war wieder konzentrierteres Steuern angesagt. Fertig Landschaft bestaunt und wieder mehr auf das Wasser vor uns geschaut… Vor der Anse d’Arlet und der Anse Chaudière, wohin wir zielten, liegen auch sehr viele Hummerkörbe. Die sind hier jeweils nur mit durchsichtigen leeren Wasserflaschen und wenns gross kommt mit blauen oder weissen Kanistern markiert. Wenn man sich in keiner dieser Leinen verfangen will, muss man da ein sehr waches Auge auf das Wasser vor dem Bug haben. Ich habe mich schon oft gefragt, wieso die Fischer hier ihre Hummerkörbe so getarnt markieren; wollen sie gar nicht, dass man sie sieht, um die Konkurrenz nicht auf gute Stellen aufmerksam zu machen? Oder rechnen sie einfach einen Standard-Prozentsatz als Verlust ein, wenn mal wieder einer sich in so einem Ding verfängt und es dann halt losschneidet? Wir kamen trotzdem unbeschadet in der Anse Chaudière an und konnten uns über den schönen Ankerplatz freuen, sobald sich die Sonntags-Ausflügler gegen Abend mit ihren sich konkurrenzierenden Musikstilen verzogen hatten.

Weil es uns in dieser Bucht so gefällt, und ich am Montagmorgen Arbeitstermine hatte, blieben wir gleich einen zweiten Tag, genossen das Baden und erledigten ein paar Administrationsaufgaben. Im Verlauf des Tages hatte sich ein Katamaran mit Schweizer Flagge, die Go West, in der Bucht zu uns gesellt. Zufällig hatte uns unser Freund Diddy kurz zuvor gebeten, dieser Crew Grüsse von ihm auszurichten, falls wir ihnen begegnen sollten. Da liessen wir uns nicht zweimal bitten, packten die Schnorchelsachen und flipperten zu Karin und Martin hinüber. Die beiden liessen es sich auch nicht nehmen, uns gleich zum Sundowner an Bord einzuladen, und wenn wir nicht einen Frühstart am nächsten Morgen geplant hätten, wäre der Abend wohl ziemlich lang geworden. Wir freuen uns immer wieder über solche neue Kontakte und hoffen, dass wir sie spätestens in der nächsten Saison in Grenada wieder sehen werden.

Der Frühstart am Dienstag war so geplant, um noch vor dem üblichen Auffrischen des Windes um die Süd-Ecke und dann nach Osten bis Le Marin kreuzen zu können. Es lohnte sich und – für die Marina viel zu früh – kamen wir schon um 09:30h dort an. Eigentlich ist einchecken erst ab 11h möglich. Weil wir schon um halb zehn da waren, wurden wir angewiesen, eine freie Boje zu nehmen und dort zu warten, bis der Dockmaster einen freien Platz für uns gefunden hätte. Während wir an der Boje hingen, rechneten wir aus, dass wir wohl doch für mehr als die reservierten 2 Tage zu tun hätten, und es vielleicht auch praktischer wäre, z.B. am Motor zu arbeiten, solange wir an einem Marina-Steg hingen. Also baten wir gleich von der Boje aus um Verlängerung: von zwei auf vier Nächte. Das liess sich einrichten, und bald führte uns Jeanmarie zum Platz 644.

Abgesehen davon, dass wir Martinique einfach sehr mögen, und gerne Zeit auf dieser Insel verbringen, gab es auch einige weitere Gründe, warum wir gleich von Anfang an in die Verlängerung gegangen waren. Das ist die sogenannte ewige Pendenzenliste. Ich bin überzeugt, dass jedes Schiff einen Schwellenwert hat, unter den seine Pendenzenliste mit Unterhaltsarbeiten gar nie fallen kann. Je nach Alter und Zustand des Bootes (und Ansprüchen seiner Crew) wird dieser Wert höher oder tiefer liegen. Aber sobald einige Punkte auf der Liste erledigt sind und gestrichen werden können, rutschen neue nach, wenn der Schwellenwert erreicht ist.

In unserem Fall hatten sich in den vergangenen Wochen diverse Themen neu ergeben:

    • Die Fundamentblöcke des Motors, die ersetzt werden sollten, weil der Motor ein Klopfgeräusch entwickelt hatte, das dem Skipper suspekt war. Zudem waren es noch die Originalblöcke von vor mehr als 20 Jahren. Die durften ja ein wenig müde sein inzwischen.
    • Als wir vor Marie Galante das Grosssegel setzen wollten, ging plötzlich gar nichts mehr: der Schlitten, der den Kopf (die oberste Ecke des Segels) am Mast in einem Schlitz hochführt, hatte sich komplett verklemmt, weil seine Kugellager „ausgefranst“ waren. Mit viel Kraft und Gewalt konnten wir ihn dann wieder „entklemmen“, aber die Vorstellung, was passieren würde, wenn der sich nächstes Mal in 18m Höhe verklemmte, wenn gerade eine böse Windbö über uns herfiele, liess uns beide erschauern. Der Punkt „Ersatz Kopfschlitten“ bzw. Kugellager rutschte ganz weit hinauf in der Liste.
    • Die Unpässlichkeiten unseres Steer Pilots, seit dem Einbau des neuen Autopiloten. Da wir oft lange und gerne von Hand steuern, ist ein funktionierender Steer Pilot (d.h. eine analoge Anzeige wie eine Uhr, deren Zeiger auf 12h anzeigt, ob wir auf Kurs sind oder nicht) für uns ein wichtiges Gerät.
    • Das Dinghy hatte neuerdings einen kleinen Riss in der Schweissnaht an seinem Aluboden. Zum Glück über der Wasserlinie – noch – aber auch da brauchte es nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, was passieren würde, wenn das Loch weiter aufginge.
    • Und dann hatten wir beim Risotto-Kochen auf Marie Galante noch eine Reiskäfer-Invasion entdeckt. Die kleinen Käfer (sie sind etwa 5mm lang) hatten wir wohl schon in Trinidad oder sogar noch vorher in einem befallenen Reispaket an Bord gebracht. Als wir sie beim Start im November entdeckten und die befallenen Lebensmittel schnellstens entsorgten, hatten wir wohl den wertvollen Risottoreis (der ist nicht überall leicht zu finden in der Karibik) nicht kritisch genug untersucht. Jedenfalls brannte es mir seit der schnellen Erstbehandlung auf Marie Galante intensiv unter den Nägeln, dass ich unsere Versorgungskiste und die ganze Bilge akribisch auseinandernehmen und mit scharfen Mitteln reinigen wollte.
    • Daneben laufen derzeit auch zuhause noch diverse Projekte, die Büroarbeit bedeuten, und dazu hatte ich auch noch ein paar Arbeitstermine vereinbart.

Wir wollten aber nicht nur Pendenzen abarbeiten, sondern auch Martinique geniessen, und hatten dazu bei Europcar direkt vor der Marina ein Auto gemietet. So kam es nicht sehr überraschend, dass wir bald nochmals von vier auf sechs Tage in der Marina verlängerten.

Schon am Ankunftstag (Dienstag) fand der Skipper in der dritten Chandlery einen Ersatz für das am stärksten beschädigte Teil des Kopfschlittens. Man könnte meinen, dass damit diese Pendenz erledigt war, aber so ist das bei Segelbooten eben nie: ein grosser Teil des Rests von jenem Tag wurde dann benötigt, um das Segel vollständig abzuschlagen (d.h. alle Schlitten aus dem Schlitz im Mast ausfahren), gründlich abzuspritzen, schön aufzutuchen, den Ersatz am Kopfteil zu montieren und das Segel wieder anzuschlagen. Es ist ja noch immer in einem sehr guten Zustand und steht sehr schön, aber das eben zum Preis von viel Gewicht und grosser Steife; mein Krafttraining vom Tag war jedenfalls damit auch erledigt.

Am Mittwoch nutzten wir unser Mietauto für eine schöne Fahrt über die Insel und dann zur Wanderung auf die Crête du Cournan.

Im Beschrieb auf der Wanderkarte werden diverse Points de Vue erwähnt, aber die blieben uns verborgen hinter dem dichten tropischen Wald. Die Karte war wohl vor einigen Jahren nach einem der schlimmeren Wirbelstürme verfasst worden, als jene Stellen tatsächlich noch offen gewesen waren.

Die Wanderung war offensichtlich Teil einer Rennstrecke des Clubs de Raid der Region und sonst nicht häufig begangen. Wir waren jedenfalls öfters froh um die farbigen Bänder, die zusätzlich zu den stark eingewachsenen Wegweisern zur Orientierung halfen. Steil ging es auf dem schmalen Weg im Schatten des Tropenwalds bergauf, dass der Schweiss nur so floss. Auf der Crête war ich froh um den dichten Wald, der auch hier oben auf beiden Seiten wuchs. So fühlte sich das schmale Weglein nicht ganz so ausgesetzt an, auch wenn es beidseits quasi senkrecht weit bergab ging. Die Route (RP no. 12) könnte mit der anschliessenden no. 13 kombiniert werden und bei entsprechender Organisation als Oneway-Route gewandert werden. Vielleicht beim nächsten Besuch auf Martinique?

Das wohltuend erfrischende Bad im Süsswasser-Wasserfall Saut Gendarme hatten wir uns jedenfalls verdient, aber auch die feinen Accras de Morue und Accras aux Crevettes im Restaurant Le Bambou.

Dann konnten wir auch noch ein wenig Sightseeing in der früheren Inselhauptstadt St. Pierre anhängen. Das Städtchen war beim Vulkanausbruch im Jahr 1902 vom nahen Mont Pelé vollständig zerstört worden. Weil man damals die warnenden Stimmen einzelner Wissenschaftler nicht beachtet hatte, traf der Ausbruch die Menschen vor Ort völlig unvorbereitet und löschte alles Leben in der ganzen Stadt aus. Heute sieht man nicht mehr viel davon (wobei wir zu spät dran waren für den Besuch des Museums), aber einige Häuserruinen tragen grosse Bilder von damaligen Einwohnern, was die Katastrophe greifbarer macht.

Die Kirche von St. Pierre, die wir immer sehen, wenn wir hier aussen vorbei segeln, konnten wir so auch mal von innen besuchen. Ihre farbenfrohen Glasfenster wirkten im goldenen Abendlicht besonders lebendig. Und dass es anschliessend noch für einen kurzen, aber intensiven Besuch beim Decathlon von Lamentin reichte, war das Tüpfelchen auf dem i dieses Tages.

Am Donnerstag hatte der Skipper zu seiner eigenen Überraschung beim Verkäufer unseres Dinghys organisieren können, dass der einen Schweisser fand, der den Aluboden reparieren konnte. Wir hatten das Dinghy ja erst vor einem Jahr gekauft und offenbar fand auch der Geschäftsführer Alban von Mecanique Plaisance, dass so etwas bei dem Preis eines solchen Dinghys nicht passieren sollte. Er bemühte sich sehr, einen Schweisser zu finden, der sich noch am Donnerstag darum kümmern würde, denn Freitag, der 8. Mai (Tag des Kriegsendes von WWII) ist in Frankreich und somit auch in Martinique alles zu. Der Skipper brachte ihm das Beiboot zur Werft und wir konnten es zwischen 15h und 16h gleichentags wieder abholen. Sorgfältig geschweisst und sogar mit der Epoxifarbe neu übermalt.

Somit war nach meinen Arbeitsterminen nix mit der grösseren Wanderung, die wir eigentlich gerne hätten machen wollen. Um aber trotzdem nicht nur an den Pendenzen und „im Büro“ gewesen zu sein, wanderten wir einen Abschnitt des Küstenwegs auf der Ostseite der Insel, von der Grande Anse de Macabou aus.

Wir hatten gedacht, dass es hier vielleicht genug Wind haben würde, um nicht zu heiss zu werden, aber durch den Windschutz des Küstenwaldes wurde zwar der Wind abgehalten, nicht aber der penetrante Geruch des verwesenden Sargassograses. Schade, denn die Buchten und Formationen hier wären wunderschön! Vielleicht ist das eine Wanderung, die man eher im November/Dezember machen könnte, wenn eventuell noch nicht so viel von der Alge angeschwemmt worden ist.

Abends gab es ein sehr feines, wenn auch wirklich nicht typisches Znacht bei „Mami’s“, oben am Hang von Le Marin. Mami’s, das sind Margarete und Michael aus Deutschland, die hier mit geräuchertem Fisch und geräucherter Wurst ein kleines Restaurant und Spezialitätengeschäft aufgebaut haben.

Seit der Schliessung des berühmten Restaurants „Mango Bay“ direkt am Wasser hat sich anscheinend der „Trans Ocean Treffpunkt“ vom Mango Bay hinauf zu Mami’s verschoben. Jedenfalls wurde dort am einen Tisch viel Seglergarn auf Deutsch gesponnen, was wir aber erst realisierten, als wir schon daran waren, unseren exzellenten Räucherfisch mit Salat und Wedges zu geniessen.

Für Freitag hatten wir uns endlich mal eine Besteigung des Mont Pelés vorgenommen. Weil die Ostseite, die von den meisten Touristen als Startpunkt gewählt wird, naturgemäss fast immer vom Nebel der hier angeblasenen Passatwolken verhüllt wird, suchten wir die Route von der Westseite her. Kurz stockten wir, als am Zufahrtssträsschen „Route Barrée“ markiert war, aber Chauffeur Bänz liess sich nicht stark beirren und steuerte den Clio mutig das abenteuerliche Strässchen hinauf zum Ausgangspunkt der Wanderung.

Dort gibt es ein 2019-2020 (mit EU-Geldern) gebautes Infozentrum, das offensichtlich jetzt ausser Betrieb ist. Beim genaueren Hinsehen erkannten wir, dass man hier sogar hatte übernachten können. Ob das je wieder eröffnet wird? Falls ja könnte es sicher einen Besuch wert sein.

Wie üblich auf Vulkaninseln ging es auch auf dieser Wanderung steil bergauf, zuerst durch Brusthohes Gestrüpp, das die nackten Kniee und Waden arg zerkratzte, dann auf schmalen Pfaden teils über hohe Stufen kletternd. Dem Kraterrand entlang gibt es immer wieder recht steil ausgesetzte Stellen, aber weil sie jeweils nur kurz und oft auch nicht sehr hoch vor der nächsten Stufe waren, blieb das alles auch für Angsthasen wie mich gut zu bewältigen.

Oben treffen sich die Wege von Ost und West und wir stellten fest, dass wir eindeutig die richtige Wahl getroffen hatten. Wir begegneten hier vielen anderen Wanderern, die alle im Nebel und ohne Aussicht hinauf gewandert waren, und jetzt nach einigen Blicken auf „unsere“ Westseite mit dem blauen Meer, den grünen Abhängen und St. Pierre, wieder den gleichen Abstieg im Nebel vor sich hatten. Wir konnten hingegen nach einigen Minuten im Nebel einfach umkehren und uns wieder in der Sonne mit ständiger atemberaubender Aussicht an den anstrengenden Abstieg machen. Tja, manchmal hilft Seglerwissen eben auch beim Wandern 😉.

Zurück an Bord ging es trotz müden Beinen direkt an die Arbeit am Motorfundament, denn es war klar, dass wir hierfür genug Zeit benötigen würden. Innert Minuten hatte sich das Boot in eine Baustelle verwandelt und im Verlauf der Zeit verstärkte sich das Gefühl, dass wir in einer „gelebten Explosionszeichnung“ wohnten.

Zuerst machte sich der Skipper an die hintere Befestigung. Um die zu lösen, das hatte er schon beim ersten Anlauf auf Guadeloupe herausgefunden, brauchte es grobes Werkzeug. Irgendwann schallte dann das Geräusch der Flex ins Cockpit hinauf und Rauchschwaden strömten aus den Cockpitfenstern. Ok, er hatte die Muttern also nicht gelöst, sondern sie, bzw. ihren Boden schlussendlich zersägt… Auch der Samstag stand fast ganz im Zeichen der Motorfundamente. (Eine kleine Unterbrechung für den Besuch bei der lokalen Coiffeuse gab es noch für beide. Wie immer ein fröhliches Erlebnis mitten im bunten Treiben der Locals.)

Um an die vorderen beiden Motorfundament-Füsse dran zu kommen, mussten alle abstehenden Teile des Motors entfernt werden. Also nicht „nur“ die Kühlwasserpumpe, sondern auch der Wärmetauscher, der Ölfilter, etc. etc. Das ergab jeweils weitere Service-Aufgaben, die gleich kombiniert werden konnten: Ölwechsel, Wärmetauscher putzen und entkalken, etc.  Wie das halt so ist auf einem Schiff. Wehe dem, der sich eine Aufgabe vornimmt und dabei den Satz im Kopf mit „Ich will nur schnell mal…“ anfängt! „Schnell mal“ gibt es nicht an Bord.

Um den Motor anzuheben, damit die Fundamente ausgetauscht werden konnten, nutzte Bänz einen Spanngurt, den er an einem über den Niedergang gelegten Brett aufhängte. Ich bin immer wieder überrascht, mit welchen relativ einfachen Mitteln er Möglichkeiten findet, um im engen Raum mit begrenztem Werkzeug (ok, das ist wohl umfassender ausgerüstet als auf vielen anderen Booten unserer Grösse) weiter zu kommen.

Wenn es mich gerade nicht als Handlangerin brauchte, kümmerte ich mich unterdessen um unsere blinden Krabbel-Passagiere. Die Vorratskiste kam ins Cockpit und ich rückte ihrem Inhalt und der Kiste selbst mit Wasser, Essig, Abwaschmittel und dann noch Putzsprit zu Leibe. Zu meiner grossen Erleichterung konnte ich in der Kiste und in ihrem Inhalt keine neuen Krabbeltiere entdecken. Alles wurde einzeln sorgfältig geputzt und in frische Verpackungen gefüllt und die Kiste am Steg gründlichst gewaschen und danach mit Sprit abgerieben. Dass ausgerechnet als ich damit fertig war und die Kiste zum Trocknen im Cockpit stand ein heftiges Gewitter über uns herfiel, während ich unabkömmlich am Motor handlangerte, wollen wir jetzt nicht zu sehr betonen…

sie krabbelten in der Kartonpackung umher

In der Bilge hatten sich die lästigen Krabbeltiere im Karton unserer Bierdosen eingenistet. Ich bin recht zuversichtlich, dass es nicht viele Überlebende der entsprechenden Putzaktion unter unseren Bodenbrettern gegeben hat. Aber das wird sich im Verlauf der nächsten Tage und Wochen sicher zeigen. Und ein Learning ist für mich klar bestätigt (das hatte ich mir schon im November bei der ersten Entdeckung der Viecher in der ursprünglichen Reispackung vorgenommen): in der kommenden Hurricane Season bleibt wirklich nichts Essbares mehr an Bord, ausser Blechdosen. Ich hatte zum Beispiel nicht gewusst, dass Reiskäfer ihre Eier gerne auch in getrockneten Gewürzen legen. Oder sogar in Tee. You live and learn.

Eigentlich hatten wir an jenem Abend unser Lieblingsrestaurant besuchen wollen, aber bis wir so weit waren, dass der Motor auf neuen Fundamenten stand, wenn auch noch ziemlich „verschlankt“, hätte keine Küche mehr geöffnet gehabt. In weiser Voraussicht hatte ich noch am Nachmittag im nahen „Auchan“ Crevetten gekauft und so gab es doch noch etwas Warmes am Ende dieses langen Tages.

Für Sonntag hatten wir ein schönes Highlight vor: am Mittag konnten wir wieder Karin und Marc von der St. Raphael treffen. Sie waren in einem Rutsch von Saint Martin nach Le Marin herunter gerauscht. Wir verabredeten uns bei Mami’s und verbrachten einen spannenden Mittag beim Austausch von Geschichten und Informationen. Schön, dass sie auch auf Trinidad bei Peake’s, etwa zur gleichen Zeit wie wir auswassern werden! Den weiteren Treffen steht so hoffentlich nicht all zu viel im Weg.

Nebst dem schönen sozialen Teil stand der Sonntag im Zeichen der Abschlussarbeiten am Motor und der Vorbereitungen für den Start nach Süden vom Montag. Es gab nochmals fertig zu putzen (auch unsere tiefe Kühlbox ist immer ein Thema, bei dem „schnell mal“ nicht funktioniert), einzukaufen, vorzukochen, Wäsche waschen, etc. etc.

Die Wieder-Inbetriebnahme unseres braven Dieselchens gestaltete sich spannend: alles zusammengebaut, nachgefüllt, doppelt kontrolliert, Schlüssel drehen – nix. Uuuups??… Nochmals kontrollieren – aha, Batteriehauptschalter wären noch einzuschalten, Schlüssel drehen – nix. Au weia!… Neue Kontrolle, Batteriekabel nachziehen, Schlüssel drehen – nix. Hmmmmm?!??… Kontrolle Nr. X, Schimpf Nr. Y. Kabelschuhe alle überprüfen, ok, der unter der Lichtmaschine war verschoben worden, nachziehen, nochmals alles kontrollieren, Schlüssel drehen, Bruuummmmbrummbrumm… Kühlwasserkontrolle – da sprudelte es nur so – Judihui, geschafft!

Für Montag, den 11.5. war etwas nördlicher Ostwind mit ca. 15 Knoten Mittelwind und ca. 24 Knoten Böen angesagt. Den wollten wir nutzen, um die ca. 20 Stunden nach Port Elizabeth auf Bequia zu segeln. Es eilte nicht – wir wollten bei Tageslicht, also nicht vor 05:30h ankommen. Ein letztes Mal bequem in der Marina duschen, alle Duschsäcke und den Tank mit Wasser füllen, letzte frische Baguettes kaufen, dann im Marina-Office die Ausklarier-Papiere drucken lassen und abmelden und los gings nur mit der Genua.

Es wurde ein schöner Segeltag bei genug Wind und beachtlichen Wellen im St. Lucia Channel, so dass unsere Windsteueranlage Leonie die ständigen Seegras-Büschel in den Wellen immer gleich abschütteln konnte, wenn es uns das Heck anhob.

Im Wind- und Wellenschatten von St. Lucia setzten wir dann kurz vor dem Eindunkeln das Gross im zweiten Reff, weil der Wetterbericht für die Nacht stark nachlassenden Wind angesagt hatte. Kaum aus dem Windschatten heraus blies es wieder so richtig mit den vorherigen 5 Bft. Da war nichts von Nachlassen zu spüren. Entsprechend gab es eine unruhige Fahrt bis zum Wind- und Wellenschatten von St. Vincent. Hinter dieser Insel wurde es äusserst wechselhaft, von absoluter Flaute, die uns zu kurzen Motoreinsätzen zwang, bis zu Starkwindphasen, die das Einrollen der Genua forderten. Meine „Hundewache“ von 0h bis 03h verbrachte ich mit fast ständigem Segeltrimmen und kam kaum dazu, den klaren Sternenhimmel zu geniessen, der sich über uns wölbte. Gleichzeitig war ich auch schon am Bremsen: bis Bequia war es von St. Vincent nicht mehr weit und wir würden sonst im Stockdunkeln ankommen. Im St. Vincent Channel zwischen unserem Ziel (den Locals zufolge spricht man Bequia übrigens „Bequä“ aus) wurde es nochmals so richtig holprig. Der Wind blies noch immer mit mehr als 20 Knoten und gleichzeitig gibt es hier immer eine starke Strömung, so dass sich die Wellen kurz und scharf aufbauen. Es war deshalb nicht schwierig, mich für die Ankunft um 05h aus der Koje zu holen: gefühlt hatte ich die meiste Zeit seit 03h in der Luft verbracht 😊. Ein wenig trödeln mussten wir noch am Eingang zur Bucht (wo wir zum zweiten Mal einem AIS-losen Segler begegneten, mit dem wir im Stockdunkeln vor St. Vincent schon fast kollidiert wären), dann konnten wir mit gerade genügend Licht um die Ecke motoren und den Anker fast am selben Ort ins Wasser lassen, wo er schon im Dezember gelegen hatte.

Angekommen! Hier wollten wir abwarten, ob sich ein passendes Wetterfenster für den Sprung nach Tobago öffnen würde. Bezüglich Seegang und Windverhältnissen war der St. Vincent Channel ein Vorgeschmack gewesen. Da möchten wir gerne für die ca. 30 Stunden etwas weniger Wind gegenan haben. We’ll see… Vorerst geht es mal darum, die Zeit hier auf Bequia zu geniessen.

Es liegen sehr viel weniger Boote hier als im Dezember. Der Wind bläst noch immer stark in die Bucht und lässt sea magiX an ihrer langen Ankerkette heftig schwingen. Der Anker ist aber tief und gut eingegraben und wir können ruhig die nächsten Tage hierbleiben. Im Gegensatz zum Mai vor einem Jahr hat es bisher auch hier noch nicht regelmässig angefangen zu regnen. Die Hänge der Bucht sind noch braun und trocken: ob wir hier viel Schatten finden werden, um ein wenig zu wandern, wissen wir noch nicht. Aber man kann ja auch einfach im Schatten der einen oder anderen Bar bleiben, wenn die Bäume keinen bieten… Oder mal einen Scooter mieten und sich per Fahrtwind ein wenig kühlen. Heute ist Mittwoch und das nächste eventuell mögliche Wetterfenster gibt es vielleicht am Sonntag. Mir wei luege…