Do., 23. April: Es sind noch 3.5 SM und dann sind wir da; zurück auf Guadeloupe. Vor uns liegt Deshaies, das sich gerade in einen Regenschauer hüllt. Hinter uns zwei Nächte und 1.5 Tage mit ca. 220SM ab Virgin Gorda auf den BVIs.
Am Montag waren wir an einem wunderschönen Segeltag gegen eine kräftige Brise im geschützten Wasser der British Virgin Islands von der Coral Cove durch die Sir Francis Drake Strait ans östliche Ende der BVIs nach Virgin Gorda gesegelt. Es ist ein aussergewöhnlich schönes Segelrevier mit vielen Liegemöglichkeiten, kurzen Strecken, geschütztem Wasser und genug Wind. Perfekt fürs Chartern und so auch sehr erschlossen. Fast wie auf dem See brauchten wir mehr Aufmerksamkeit als bisher für die Begegnungen mit anderen Booten. Immer wieder stellte sich die Frage, ob das Gegenüber die Vortrittsregeln auf dem Wasser kannte, bzw. ob er uns überhaupt gesehen hatte. Immer waren wir bereit für notfallmässige Ausweichmanöver. Aber als ehemalige Regattasegler rechneten wir auch genau, ob es reichen würde. So auch bei der Jeanneau 46, die uns wohl tatsächlich erst spät bemerkte und vor lauter Schreck mit wild flatternder Genua gleich einen Kringel machte. Dabei hätte es uns gut vor ihnen durch gereicht… Da war der Regattamodus mal wieder mit uns durchgebrannt. Im Geist schickte ich der Chartercrew eine leise Entschuldigung hinterher.
Im grossen Sound von Virgin Gorda genossen wir nochmals das unglaublich türkisfarbene Wasser und die Ruhe am schön im Sand festgezogenen Anker. Vorschlafen, vorkochen und sonst vorbereiten standen am Dienstag tagsüber auf dem Programm. Dann ein letzter Blick auf den Wetterbericht – der bestätigte, dass sich ein knappes Fenster mit eher nördlichem und leichtem Wind bei schönem Wetter abzeichnete, das reichen würde, um mindestens bis Montserrat zu kommen, oder evtl. die ca. 220 SM bis nach Guadeloupe.

Da hier in diesem Monaten der Ostwind üblicherweise stark bläst, und meistens eine leichte Süd-Komponente enthält, wollten wir diese Chance nutzen. Unser Weg zurück nach Trinidad führte von Puerto Rico aus eben nach Südosten. Gegen 17 Uhr am Dienstag ging es deshalb los, hinaus aus dem schönen Sound und nachdem wir die Südost-Spitze von Virgin Gorda erreicht hatten, mit voller Besegelung, dem Sonnenuntergang im Rücken und viel weitem Horizont vor dem Bug in die pastellfarbene Abendstimmung.
Unsere Windsteuerung Leonie hielt sea magiX mehr oder weniger auf Kurs, aber bald schon konnte sie ihre Irritation durch das stark auftretende Sargassogras nicht weiter verbergen und der neue Autopilot kam zum Zug. Der hielt uns bestens auf Kurs, wenn auch seinerseits herausgefordert durch das sehr leichtgängige Ruder von sea magiX. Wenn wenig Druck am Ruder liegt, dann schaukelt sich der Autopilot in ein lästiges Hin- und Herschwingen auf, das man nur auf zwei Arten verhindern kann: entweder mit dem Human Touch, d.h. leichtem Handauflegen, oder mit Hilfe eines Gummizuges, das dem Rad etwas Widerstand gibt, aber bei Bedarf einem grösseren Radausschlag nicht im Weg steht. Mit der Zeit hatten wir das System perfektioniert, damit der Gummi nicht ständig wegknallte (tut weh, wenn man sich gerade in der Nähe befindet und eins abkriegt! 😊) oder sea magiX am Abfallen hinderte, wenn gerade eine Bö kam. Es war jedoch zwei Nächte und 1.5 Tage lang sehr entspannt mit dem neuen Autopiloten – nie mussten wir befürchten, dass er plötzlich aussteigen könnte. Und auch seine Windsteuerung war einwandfrei. Wie wichtig es doch ist, dass die zentralen Instrumente an Bord richtig funktionieren! Die lange Reise des Autopiloten, via Gians Handgepäck in die Schweiz, dort per Bahnhofsübergabe zu uns nach Hause und dann wieder mit Alexandras Sachen zurück nach Puerto Rico hat sich eindeutig gelohnt. Nochmals ein grosses Merci an alle Beteiligten!
Wir genossen die Fahrt sehr, auch wenn sich die Schlaf-/Wachen-Routine nicht sofort einstellen wollte. Aber bei den leichten Verhältnissen mit selten mehr als 4 Bft war das kein grosses Problem. Der leichte Wind hielt uns ständig beschäftigt, denn dann ist auf sea magiX die Segelstellung in kleinsten Einheiten schon relevant und kann grossen Geschwindigkeitsunterschied ausmachen. In den Nachtwachen war ich ständig daran, die Segel zu richten und so kam nie Langeweile oder die Gelegenheit für Müdigkeit auf.
Schneller als erwartet hatten wir am Mittwoch, d.h. nach der ersten Nacht schon Eustatia und dann St. Kitts erreicht und es wurde klar, dass wir das Fenster weiter nutzen würden, um nach Montserrat oder Guadeloupe zu kommen. Bei schönstem Wetter segelten wir entlang den Inseln, deren erneuten Besuch wir halt auf “ein andermal” verschoben, und freuten uns über die Aussicht, die den Namen der Inseln verdeutlicht.
In dramatischen Rot- und Violett-Tönen ging die Sonne an der Doppel-Insel St. Kitts und Nevis für die zweite Nacht unter und bescherte uns unzählige Foto-Momente beim Blick nach hinten auf die Inseln und nach vorne auf den Horizont.
Kaum hatte es am Mittwochabend eingedunkelt, als das Wetter plötzlich unfreundlicher wurde. Die Wolken zogen sich zusammen und im Nu waren wir mitten in einem heftigen Squall. In Sekunden nahm der Wind von 8-12 Knoten auf 18-24 Knoten zu. Auf Amwindkursen reduzieren wir die Segelfläche normalerweise ab etwa 14 Knoten Wind… sea magiX legte sich auf die Seite, der Autopilot zog seinen Gummi lang, bis der mit einem gequälten Quietsch-Knall nachgab, und schon waren wir mit mehr als 7 Knoten Fahrt auf einem etwas höheren Kurs als vorher unterwegs… Inzwischen war auch der Regen da, bzw. die Regenwand und wiedereinmal sah man nicht mehr bis zum Bug unseres kleinen Schiffes. Mit weit aufgefiertem (frei gegebenem) Grosssegel rauschten wir südostwärts, froh, dass unser neuer Autopilot so unbeeindruckt weiter steuerte. Trotzdem hatte ich den Skipper aus der Koje geholt – mir war es unheimlich, bei so viel Wind mit Vollbesegelung unterwegs zu sein. Bänz, leicht schlaftrunken im Niedergang hängend, meinte mit seinem grossen Urvertrauen in unser braves Boot nur „das geht vorbei, das chunnt scho guet“. Und so wars dann auch. Nach einer wilden halben Stunde konnte ich die Segel schon wieder etwas passender einstellen und nach nochmals 30 Minuten war der gröbste Spuk und vor allem der Regen vorbei, ohne dass Segel oder Boot zu Schaden gekommen wären. Wir nutzten die Regenpause, um jetzt das Vorsegel zu verkleinern, und waren ab dann mit einmal gereffter Genua und noch immer dem vollen Gross für alle Wahrscheinlichkeiten gewappnet. Die Nacht blieb unruhig, mit anderem Wind unter jedem Wölkchen, aber die Änderungen blieben im mit dieser Besegelung gut verträglichen Rahmen. Und unser Autopilot steuerte brav, ohne jeden Muckser, inzwischen an Montserrat vorbei auf Guadeloupe zu. Morgens liess der Wind wie vom Wetterbericht angekündigt nach auf ein leises Lüftchen. Wieder konnte ich fasziniert das Farbenspiel am Himmel beobachten; diesmal für den Sonnenaufgang.
Im schönsten Sonnenschein tümpelten wir gemütlich nach Deshaies und brauchten für die letzten 15 SM fast einen halben Tag. Über Guadeloupe hing eine dicke Regenwolke, der wir Zeit geben wollten, sich zu verziehen. Und da mein nächster Arbeitstermin erst am nächsten Vormittag war, hatten wir nicht die geringste Eile, dort im Regen anzukommen. In aller Ruhe konnten wir nochmals ein Stündchen schlafen, unser Morgenmüesli geniessen, lesen, mit diesem Bericht anfangen und in den Tag hineinträumen.
Beim Rückwärtsfahren zum Ankern in Deshaies lösten sich gleich mehrere grosse Büschel Sargassogras von unter sea magiX. Wir hatten wohl einen rechten Ballen von dem Zeug mitgeschleppt. Leider war auch sonst schon viel von der Alge in der Bucht von Deshaies angekommen; das Zeug hat offensichtlich inzwischen auch die Westseite der Insel erreicht und verseucht. Schade!
Vom ersehnten Sprung ins kühlende Wasser konnte es uns trotzdem nicht abhalten. Welch erfrischendes, angenehmes Gefühl, die klebrige Sonnencrème von 2 Tagen wieder loszuwerden!
Beim anschliessenden Spaziergang durch das pittoreske Örtchen Deshaies wackelte für uns mal wieder der Boden. Stimmt – wir waren ja auch vor unserer Abfahrt aus den BVIs zwei Tage lang nicht mehr an Land gewesen.
Trotzdem genossen wir das Buffet-Menü im Restaurant La Croisière, ganz am Ende des Ortes direkt am Wasser. An hier hatten wir schon von diversen früheren Besuchen gute Erinnerungen. Beim Apéro am Fenster mit Blick auf die wie üblich recht volle Bucht konnten wir zusehen, wie ein Regenschauer die Boote mal wieder von ihrem Salz befreite; das genoss sea magiX sicher auch gerade sehr.
Auf der Menütafel hatten wir gelesen, dass es das ganze Menu „à volonté“ mit Entrée, Plat und Dessert für 25 Euro pro Person gebe. Etwas erstaunt stellten wir dann fest, dass Madame uns 70 Euro für beide Essen verrechnete, weil sie die beiden kleinen Salate und Desserts dann doch separat kalkulierte. Das hatten wir in unserer Müdigkeit nicht vorher geklärt und bekamen nun im wahrsten Sinn des Wortes die Rechnung dafür. Mal wieder ein Learning, wenn auch kein besonders teures… Der „poisson en sauce“ war sehr fein gewesen und wir hatten den Abend sehr genossen.
Am Freitag, 24.4. fuhr Bänz mit dem Dinghy zweimal an Land, um einzukaufen und Diesel zu tanken, während ich meinen Arbeitsterminen nachging. Gegen Mittag war alles erledigt und wir hoben bei sehr leichtem Wind den Anker und tümpelten mit 1.5 bis 2.5 Knoten Fahrt südwärts nach Malendure vor der Ile du Pigeon.
Motoren wird derzeit nach Möglichkeit vermieden: der Motor „klopft“ für des Skippers Ohren verdächtig. Deshalb hatte ich ja drei Motorfundamente in meinem Gepäck dabei. Aber einbauen konnte er sie noch nicht; das wäre auch mir lieber, dass das erst passiert, wenn wir irgendwo festgemacht sind, wo die Wahrscheinlichkeit, den Motor plötzlich zu benötigen, bei 0 liegt… Also segeln, wo und wenn immer das geht, und das ist ja auch unser Normalbetrieb. Einmal mehr waren wir froh über die Segelfreudigkeit unserer sea magiX; die meisten anderen Boote hätten mit den 4.5 bis 6.5 Knoten Wind keinen Meter gesegelt. Wir brauchten dann einfach etwas länger, kamen aber trotzdem rechtzeitig für den Sundowner vor Malendure an. Auch hier war der Sprung ins kühlende Nass etwas getrübt durch das viele Sargassogras.
Den Sundowner genossen wir dann wieder mit romantischem Blick auf die Ile du Pigeon.
Rund um die Ile du Pigeon liegt der Cousteau Unterwasser-Nationalpark. Ankern und Fischen ist innerhalb der Nationalpark-Grenzen verboten. Am Samstag sattelten wir deshalb das Dinghy und brausten mit unserem Schnorchelzeug – nach einem kurzen Abstecher, um Arnaud auf der Schweizer Stahlyacht „Atlas“ zu begrüssen – hinüber zur Insel für einen ausgiebigen Schnorchelgang. Die Vielfalt und Menge an Fischen war grossartig. Leider waren wir etwas spät dran und mussten uns den recht begrenzten Raum mit sehr vielen anderen Schnorchlern und Tauchern (uva -Anfängern) teilen. Trotzdem – ein Genuss! Erstmals seit langem bekam ich auch wieder mal Lust auf einen Tauchgang. Vielleicht bei Gelegenheit mal wieder aufzunehmen? Aber auch schnorchelnd hatten wir viel Schönes, Farbiges und Vielfältiges gesehen. Besonders angetan hatte es mir ein winziger blauer Fisch mit leuchtend hellen Pünktchen. Bänz meinte, er sehe aus wie in Geschenkpapier gewickelt. Die Trompetenfische waren mir jeweils zu schnell und flitzten immer aus dem Blickfeld der GoPro, während sich die grösseren Barracudas u.a. vornehm in grösserer Tiefe zurück hielten, ausserhalb der Reichweite unserer kleinen Kamera. Schön wars!
Den Nachmittag verbrachten wir dann an Land in Malendure, mit Einkaufen im nahe gelegenen Leader Price und einer Wäsche. Nur die Ein- und Ausfahrt in den winzigen Fischerboothafen ist etwas abenteuerlich bei dem Schwell, den der Südostwind weiter unten an der Insel zu uns plötzlich hinauf schickte. Aber wir kamen mit noch immer trockener und fein duftender frischer Wäsche wieder an Bord an und konnten dann einen weiteren schönen Sonnenuntergang geniessen, obwohl der Wetterbericht eigentlich schon für den Abend Regen vorher gesagt hatte.
Der kam dann erst am Sonntagvormittag. Wie ebenfalls vorausgesagt ohne nennenswerten Wind. Wir hielten deshalb am geplanten „on-board-day“ fest, genossen ein feines spätes Frühstück mit gebratenen Spaghetti und liessen den Regen gemütlich aufs Deck plätschern.
Während ich mich um diesen Bericht kümmerte, begann der Skipper irgendwann am Motorkasten zu rumoren. Nach einiger Zeit ging es darum, dass ich einen Holzblock unter den Motor schieben sollte, während er ihn leicht anhob. Mooooooment – Motor anheben? Hatten wir nicht kurz vorher noch darüber gesprochen, dass das besser erst passieren sollte, wenn wir irgendwo ganz fest lagen? Leicht nervös beobachtete ich ab da den Wind und das Wetter genauer. Hoffentlich kam nicht plötzlich die Gewitterfront, die Dr. Schrader vom Wetterbericht mit 24-30 Knoten angekündigt hatte… Des Skippers Erklärung, dass er ja nur schauen wollte, was es denn für den Wechsel der Motorfundamente brauchen würde, konnte ich ja nachvollziehen. Aber trotzdem – mein Puls stieg augenblicklich auf überhöhte Werte – ganz ohne Sport.
Unterdessen hatte ich meinerseits feststellen müssen, dass meine Speicherkarte im Handy anscheinend im Verlauf unserer Überfahrt ausgestiegen war und mir nun alle nicht schon in der Cloud gespeicherten Fotos bis dahin verloren gegangen sind. Diverse Versuche, die Karte wieder lesbar zu machen, scheiterten. Das bedeutet, dass in diesem Bericht die Fotos von dem schönen Kreuz-Tag nach Virgin Gorda und die Bilder vom Sound of Virgin Gorda fehlen, sowie jene vom ersten Sonnenuntergang beim Start am Dienstagabend. Glücklicherweise hat mein Handy schneller als ich erkannt, dass es ein Problem gab, und stellte automatisch die Speicherung der neuen Bilder auf den eigenen Speicher um. Schade nur um die verlorenen Bilder! Ein Learning mehr: auch wenn gerade kein Datennetz da ist, um die Bilder in die Cloud hochzuladen, macht es dennoch Sinn, sie wenigstens schon mal auf den Laptop zu übertragen…
Inzwischen ist auch der Skipper zu einer wenig erbaulichen Erkenntnis gelangt (die seine Motor-Ausserbetriebnahme tatsächlich rechtfertigt ;-)): die Fundament-Muttern lassen sich nur lösen, wenn sea magiX nicht im Wasser liegt. Um an sie heran zu kommen, muss nämlich die Dichtung des Saildrives (des Antriebs für den Propeller) gelöst werden. Und das würde bedeuten, am tiefsten Punkt im Schiff ein sehr grosses Loch zu öffnen. Horrorvorstellung! Da müssen wir wohl noch eine Weile bis in Trinidad mit dem Klopfen leben und hoffen, dass unser Motörchen nicht plötzlich in seinem Motorraum umherhüpft. Mit diesem Erkenntnisgewinn ging Bänz bald wieder zum Rückbau über und nach einer halben Stunde, in der sich nur der Regen intensiviert hatte, aber nicht der Wind, kam die erlösende Meldung aus dem Achterschiff: „ab jetzt sind wir wieder manövrierfähig“. Puh, ein Schluck Wasser und schon war mein Puls wieder auf normal.
So liessen wir das Wetter durchziehen, kümmerten uns um Pendenzen, genossen die kühlere Temperatur und horchten dem Sonntagskonzert zu, das vom Land her zu uns schallte. Morgen soll es wieder schön oder jedenfalls grossteils trocken sein und etwas Wind geben, mit dem wir weiter segeln können. We’ll see. Viel motoren wollen wir jetzt erst recht nicht mehr.








































































