Die Fahrt von Deshaies nach Süden gestaltete sich bemerkenswerter als erwartet. Im Wetterbericht hatten wir zwar schon zur Kenntnis genommen, dass nebst dem relativ schwachen Wind von 8-10 Knoten auch wilde Böen von 25-27 Knoten angesagt waren. Aber dass es dann tatsächlich gefühlt von 1 auf 6 Bft innerhalb von 30 Sekunden wechseln könnte, und dann so bleiben würde, hatten wir trotzdem nicht ganz geglaubt. Jedenfalls verbrachten wir die ersten ca. 2-3 Stunden ab Deshaies mit gemütlichem Tümpeln im glatten Wasser entlang der Westküste von Guadeloupe, genossen die Aussicht auf die unglaublich grüne Küste, zirkelten um die grösseren und kleineren Sargasso-Flächen herum und näherten uns mit grossen Schritten einem anderen Segler, der ebenso gemütlich wie wir (bzw. noch ein wenig gemütlicher 😉) südwärts unterwegs war. Auf des Skippers Order hin sollte ich den anderen Segler auf seiner Landseite überholen. Ich hatte gerade angesetzt, um beherzt nach innen abzudrehen, als der Steuermann auf dem anderen Boot wild zu winken begann. Erst mit Verzögerung begriff ich, was der mir sagen wollte: er hatte eine für uns unsichtbare Fischerleine in seinem Schlepp. In letzter Sekunde konnte ich gerade noch rechtzeitig abdrehen und wir verfehlten sie um ein-zwei Meter. Uff, Glück gehabt! Die Spielchen mit umwickelten Fischerleinen mögen wir nicht… Kaum war ich wieder auf Kurs, als sich vor uns auf dem vorher noch glatten Wasser Schaumkronen zu bilden begannen. Es reichte gerade noch, in einem Express-Manöver ein Reff ins Grosssegel einzuziehen, und die Genua um ein paar Umdrehungen zu verkleinern, da hatte es dann tatsächlich von 6 Knoten auf 6 Beaufort innerhalb von 100 Metern Distanz aufgefrischt. Im Glauben, dass es sich hier einfach um eine der angekündigten Böen handelte, segelten wir mit weit aufgefiertem Gross quasi auf der Backe liegend weiter. Wenn ich gerade dazu kam zwischen den Kurskorrekturen, bedankte ich mich in Gedanken bei sea magiX für ihre Gutmütigkeit. Sie legte sich einfach auf die Seite und wandelte die Energie grösstenteils in Tempo um (zugegeben, bei dieser Übertakelung mit recht grosser Abdrift – vom Kiel konnte wohl nicht mehr ganz so viel Kurs-Treue erwartet werden). Mit dem Wetterbericht im Kopf warteten wir ständig darauf, dass die „Bö“ nachlassen würde. So war es aber nicht – der Wind blieb konstant bei 5-6 Bft. Und wir blieben bei zuviel Segel. Dafür kamen wir, zwar eher unbequem, aber doch schneller als erwartet bald an Basseterre vorbei zum Eingang zur Marina Rivière Sense, wo wir am Vorabend online einen Platz für eine Nacht angefragt und gleichentags per Telefon bestätigt bekommen hatten. Hmmmmm, das sah nach enger Einfahrt und kleiner Marina aus… wie sollte das bei dem Wind mit unserem segelfreudigen Boot gehen? Andererseits – etwa hundert Meter vor der Küste sah das Wasser ruhiger aus; konnten wir dort wenigstens etwas ruhiger die Segel bergen? Ich fühlte mich stark an alte Situationen auf der Elbe erinnert, als ich auf des Skippers Order immer noch völlig übertakelt bis fast auf Tuchfühlung mit dem Ufer steuerte („Bis die Krebse am Ufer aus dem Weg krabbeln!“). Mit Tempo rauschten wir auf das nahe Ufer zu. Ich glaubte schon, die ersten Krebse davon-eilen zu sehen. Aber es klappte dann tatsächlich: in einem schmalen und kurzen Streifen ganz nah am Land konnten wir die Segel mit wenig Wind bergen und uns um den Kontakt mit der Marina kümmern.
Der arme Dockmaster am VHF musste seine Angaben alle mindestens einmal wiederholen, weil ich ihn mit seinem kreolischen Akzent im Französisch) kaum verstand, aber er blieb geduldig und freundlich. (Andererseits hätte ich ja auch auf Englisch bestehen können, was ich aus Höflichkeit nicht machte. Also waren wir quitt…) Auf meine Frage, ob wir hereinkommen könnten, oder evtl. ein wenig warten sollten meinte er leicht erstaunt „Il n’y a aucun problème, vous pouvez entrer“.
Als wir dann nach einigen Minuten Vorbereitung draussen bei 20-24 Knoten Wind den Weg in die schmale Einfahrt und um die Ecke zum uns zugewiesenen Platz nahmen, verstanden wir, warum „Jude“ (der Dockmaster) am VHF so überrascht geklungen hatte: 2 Schiffslängen vor dem Loch starb der Wind und wir konnten in aller Ruhe im kleinen Hafen manövrieren. Wow, cool gemacht! Auch sonst waren wir sehr positiv überrascht von der kleinen Marina. Alle Mitarbeitenden, d.h. nebst Jude auch seine anderen Kollegen auf den Stegen, aber auch „Floralie“ und ihre Kollegin im Büro waren äusserst hilfsbereit und freundlich, und das Preis-Leistungsverhältnis überzeugte uns ebenfalls mit 35.4 Euro pro Nacht für Boote zwischen 11 u 12m. Noch am Abend beschlossen wir, gleich eine zweite Nacht hier zu verbringen. So konnten wir den Dienstag für eine Wanderung nutzen. Wir hatten schon länger nichts mehr in dieser Art unternommen und hatten beide das Bedürfnis, mal wieder unsere Beine etwas mehr als mit Ausgleichschritten zu bewegen.
Bald nach dem Frühstück gings los, gleich bei der Marina auf den Wanderweg zum Houëlmont hinauf. Wir hatten ja schon in der Beschreibung gelesen, dass es auf 410m üM gehe, aber dass es dann ganz so steil würde, damit hatten wir mal wieder nicht gerechnet. Die Menschen hier in der Karibik legen grundsätzlich keine Kurven oder Serpentinen an, wenn der Weg auch in der Direttissima hinauf führen kann. Ein grosser Teil des Wegs verlief im Schatten des tropischen Waldes. Trotzdem schwitzten wir Bäche und kamen gehörig ins Schnaufen.
Aber die diversen wunderschönen Blumen, gelegentliche Blicke zwischen den Bäumen hinaus aufs Wasser oder aufs Örtchen Rivière Sense und einfach auch die so unglaublich lebendige und dichte Natur unterwegs entschädigten uns vollauf für die Mühen. Interessant fanden wir, dass auf dem ersten Absatz nach ca. 50-100 Höhenmetern Anstieg offensichtlich die Gutbetuchten von Rivière Sense wohnen. Auch das Staatsarchiv befindet sich dort, in einem beeindruckend modernen Bau, den man dem Örtchen am Wasser unten nicht zugetraut hätte.
Leider gab es oben keinen Zugang zum „Observatoire volcanologique“ und auch keinen Panoramablick hinaus. Dafür gab es unterwegs eine interessante Skulptur, ein altes Munitionslager, viele Pflanzen und sogar ein Kanonenrohr, das bestens als Mittagsbänkchen dienen konnte.
Immer wieder überraschte uns der Weg mit neuen Aspekten: eine morsche Brücke, ein winziger Teich mit viel Getier, immer wieder mal äusserst steile Abschnitte, die in den Waden brannten (oder die Kniee zum Protest bewegten), und dazwischen auch immer wieder die Ameisenstrassen, auf denen die winzigen Tiere übergrosse Blattstücke, Blüten und andere Baumaterialien zu ihrem Bau schleppten. Einmal hatten sie sogar einen überhängenden Baum als Brücke über den Weg gewählt: 3 Meter hinauf, zwei hinüber und wieder 3 hinunter, um auf der anderen Wegseite weiter zu gehen. Wahrscheinlich hatten sie dies irgendwann als Ausweichroute gefunden, als der Weg unter Wasser stand.
Fazit: es hatte sich gelohnt; nur schon für das gute Gefühl, mit müden Beinen (und etwas irritierten Knieen) wieder unten anzukommen und sich zur Abkühlung am Strand auf der anderen Seite unserer Hafenmole ins Meer zu legen.
Quasi zum „Auslaufen“ spazierten wir am Nachmittag dann noch der ganz ebenen Promenade entlang die 1.5 km nach Basseterre auf ein Bier und ein paar wohlverdiente, heisse Pommes Frites. Unsere Schrittzähler waren wohl drauf und dran, eine Fehlfunktion zu melden, als wir recht früh in die Kojen krochen…
Für Mittwoch war Ostwind angesagt, mit dem wir unten um die Ecke und nach Pointe à Pitre segeln wollten. Ganz gesittet ging es nach der Ausfahrt aus der Marina im glatten Wasser bis zum Leuchtturm „Vieux Fort“ am Südwest-Kap von Guadeloupe. Aber die Schaumkronen vor uns waren da schon von weitem sichtbar und schon bald sassen wir wieder auf der hohen Kante unserer krängend durch die Wellen stürmenden sea magiX.
Der erste Schlag führte uns bis gerade vor die Iles Saintes. Sie sahen im Morgenlicht sehr schön aus und kurz überlegten wir, ob wir statt nach PaP nicht doch eher hier auf die Saintes zielen sollten. Aber wir hatten eine „Verabredung“ mit einer neuen Ankerkette in PaP und so gab es eine Wende und bald konnten wir den Kurs auf die Einfahrt hinter die Riffs von Pointe à Pitre legen.
Unterwegs führte der Weg immer wieder durch riesige Sargassogras-Felder hindurch. Die Algenpflanzen verfingen sich wohl nicht nur ums schlanke Ruder unserer sea magiX, sondern wahrscheinlich auch um alles andere, das sich unter Wasser zum Anhängen anbot. Bald wurde das Steuern schwierig und als der Wind nachliess, wurde auch der Bremseffekt sehr spürbar. Wir machten immer wieder kurze Hin- und Her-Wenden und dann auch gelegentliche 360-Grad-Kringel, um das lästige Gras loszuwerden. Jedesmal sprang sea magiX danach wieder wie befreit an und legte gleich mit einem Knoten mehr Fahrt durchs Wasser los. Wir wollten uns gar nicht vorstellen, wie es wohl wäre, wenn hier nur ganz wenig Wind lüfteln würde – dann kämen wohl auch wir mit unserem segelfreudigen Boot nicht mehr voran in dem Teppich. Und wie es wohl den Fischern geht, deren Leinen sich ja alle auch in dem Zeug verfangen, wie auch ihre Motorpropeller? Es ist eine stille, stinkende Katastrophe.
In der Marina Bas du Fort bekamen wir problemlos einen Platz für zwei Nächte. Kaum festgemacht und angemeldet, zogen wir gleich los zum Accastillage Diffusion von „Rudy“. Via verschlungene Wege über befreundete Segler hatten wir für hier ein vergünstigtes Angebot für eine neue Ankerkette ausgemacht. Unsere alte Kette war zwar noch immer voll funktionsfähig, aber durch den fast täglichen Gebrauch war inzwischen ihre Verzinkung fast vollständig abgeschliffen und das darunter liegende blanke Eisen rostete mit sehr sichtbarem Elan fröhlich vor sich hin. Bei jedem Ankermanöver zog die Kette jeweils einen hässlichen, braun-roten Schweif durch das klare Wasser und im Ankerkasten breiteten sich die Spuren rasant aus, trotz allen Bemühungen um die Verhinderung von Flugrost. Deshalb war für uns klar: eine neue Ankerkette musste spätestens für die nächste Saison kommen, aber wenn es jetzt noch eine unkomplizierte Möglichkeit gab, dann je eher desto besser. Mit dem jungen Geschäftsführer Rudy von Accastillage Diffusion besprachen wir die Länge der neuen Kette (und stockten dabei von den bisherigen 50 auf 55m auf), schluckten kurz leer, als wir ausrechneten, wie viel Gewicht das im Bug unseres leichten Schiffs ausmachen würde (fast 90 Kg zusätzlich zum Anker mit 15Kg), aber die alte Kette hatte ja auch ungefähr so viel gewogen und die zusätzlichen 5m machten nicht die Welt aus. Rudy rief seine Kollegen im anderen Laden an, damit die ihm die Kette bereitstellten und am nächsten Morgen lieferten. Zurück an Bord machte sich der Skipper sogleich daran, den neuen Ankerwirbel im Ersatzmaterial hervorzukramen und am nächsten Morgen nutzten wir die windstille Phase, um das Dinghy ins Wasser zu lassen und die alte Kette aus dem Ankerkasten zu lösen und ins Dinghy zu füllen.

Wir wollten sie zur Werft gleich neben der Accastillage bringen, damit dort jemand, der vielleicht weniger empfindlich auf Rost reagierte als wir, davon (oder mindestens von den ca. 20 noch weniger rostigen Metern) profitieren konnte. Irgendein Instinkt verhinderte dann, dass wir das schon gleich durchzogen. Rudy hatte versprochen, sich bald nach der Öffnung seines Ladens bei uns zu melden, und die Lieferung war auf etwa 10 Uhr abgemacht. Es wurde 9 Uhr, dann 10 Uhr, und Rudy hatte sich nicht gemeldet. Etwa um 11 Uhr riefen wir bei ihm an und fragten nach. Da kam der Schock: Rudy meinte, die Kette könne heute nicht geliefert werden und weil morgen mit dem 1. Mai ein absoluter Feiertag sei, müssten wir bis Montag warten. Kurze Schockstarre, dann wanderte das Handy vom anrufenden Skipper zu mir: „Frag du mal nach – auf Französisch!“ Rudy erklärte mir, dass alle total gestresst seien, weil alle Kunden noch schnell vor dem Feiertag ihre Einkäufe machen müssten, und er könne sich unmöglich um unsere Kette kümmern… ich erklärte ihm im Gegenzug, dass wir am nächsten Tag abreisen würden und die alte Kette schon entfernt hätten… nach etwas Hin und Her und noch ein paar weiteren Argumenten wie den anderen Käufen, die wir eigentlich bei ihm auch schon geplant und reserviert hatten (10l Antifouling für den Unterwasser-Anstrich kosten ca. 440 Euro), erklärte er sich bereit, seine Mittagspause für uns einzusetzen, und die Kette mit seinem eigenen Auto holen zu gehen. Er melde sich dann per WhatsApp. Hui, wenn das nur gut ging!
Wir nutzten die Zeit bis vor 14h für einen Einkauf im nahe gelegenen Leclerc: mit dem Dinghy (das ja ohnehin schon im Wasser war, aber aus dem wir die Kette wieder herausgeholt und an sea magiX angehängt hatten) fuhren wir bis in die hinterste Ecke der riesigen Marinabucht, banden das kleine Boot dort an einem Baum an und spazierten die letzten 500m noch bis zum Laden.
Kaum zurück an Bord, kam die erlösende WhatsApp-Nachricht und bald danach konnten wir 55m nigelnagelneue Kette auf dem langen Steg der Marina auslegen. So gesehen wirkte das schon wie ziemlich viel: 55m sind ungefähr 10 Schiffsbreiten am Steg und entsprechend legten wir gerade eine Stolperfalle vor diverse „Haustüren“ aus.
Aber die Kommentare waren durchwegs freundlich und alle freuten sich mit uns über das glänzende neue Teil, während wir die farbigen Distanzmarkierungen anbrachten. Dann musste die Kette noch vom Steg ins Dinghy gelegt werden und danach vom Dinghy mit der Winsch in den frisch geputzten und von Rostflecken befreiten Ankerkasten gefüllt werden, sowie mit Schiff und Anker verbunden werden und endlich waren wir wieder manövrier- bzw. abfahrtbereit. Die hausgemachten Crostini mit frischer Paté und grüner Tapenade und der gekühlte Weisswein passten danach perfekt zum „Feier-Apéro“. Und über das Schicksal der alten Kette möge sich eine diskrete Decke des Schweigens legen – da passierte nämlich ein kleines Missgeschick…

Nach den insgesamt vier Nächten in den beiden Marinas war es am Freitag, 1. Mai an der Zeit, wieder eine Bucht für den Sprung ins kühlende Nass zu finden. Zudem wollten wir ja unsere neue Errungenschaft bald testen. Und schliesslich lag Marie Galante zwar ungefähr in der angesagten Windrichtung, aber wir konnten es ja mal probieren und wenn es zu mühsam würde mit dem Kreuzen, wären die Iles Saintes ja noch immer eine Ausweichmöglichkeit. Wir hatten kaum die Leinen gelöst, als beim Hinausfahren aus der Marina sich gleich zwei verschiedene Alarme mit durchdringenden Piepstönen meldeten – einerseits der Kompass, der sich irgendwie verstellt und jetzt eine riesige Abweichung entdeckt hatte, und andererseits, viel dringender in dem Moment, der Hitzealarm des Motors.
Das ist ganz schlecht, wenn der Alarm anschlägt: ohne Kühlung kann ein Motor wie unserer nicht viel länger als eine oder zwei Minuten laufen, bevor es zu grösseren Schäden kommt. Entsprechend war die Hektik mal wieder gross an Bord, zusätzlich untermalt durch das durchdringende Piepsen und gleichzeitig erschwert durch den recht dichten Schiffsverkehr in der engen Marina-Einfahrt… Ok, keep cool and keep going… wobei der Skipper sogleich den Motor abgestellt hatte und wir nur noch laut piepsend mit dem Wind auf das nahe Ufer zu trieben. Ich entschied mich, mal die Fender noch nicht alle wegzuräumen. Nicht, dass die am Ufer viel geholfen hätten, aber trotzdem…
Inzwischen hatte sich der Skipper mit dem Schraubenzieher am separat eingebauten Überhitzungs-Alarm zu schaffen gemacht, und endlich war Ruhe von der Seite. Ok, ein Alarm stillgelegt – aber hatten wir denn noch ein Temperaturproblem oder nicht? Schnell kam auch da Entwarnung: der Sensor hatte sich auf 5 Grad Alarmtemperatur eingeschossen. Den Alarm kann man erst quittieren und abstellen, wenn die Temperatur 5 Grad unter die Alarmtemperatur gefallen ist. Hmmmm, 0 Grad? Eine Herausforderung in der Karibik, bei ca. 30 Grad Luft- und ca. 25 Grad Wassertemperatur!
Aber ok, als wir sicher waren, dass das Problem wirklich am Gerät lag und nicht am Motor, konnte dieser gefühlte 1-2 Meter vor dem Ufer wieder gestartet werden und wir steuerten wieder – jetzt nur noch vom Kompass her piepsend – in die Ausfahrt. Sobald wir etwas mehr Platz hatten, drehten wir mal wieder zwei grosse Kreise. Es piepste weiter… dann noch einen dritten. Endlich beruhigte sich der Kompass ein wenig und so konnten auch wir mit ganz dicht geholten Segeln in die Bucht hinaus starten. Ob es ohne all zu viele Kreuzschläge nach Marie Galante reichen würde? Wir nahmen jeden Meter „Höhe“ mit, wenn sea magiX in den Böen noch etwas mehr anluvte. Der gesegelte Kurs führte irgendwo zwischen Marie Galante und Dominica nach Süden. Gegen Mittag kam dann der Winddreher. Erfreulicherweise in die für uns günstige Richtung. Und so lag plötzlich der Kurs direkt auf Marie Galante an, ohne dass wir eine einzige Kreuz-Wende machen mussten. Schön rechtzeitig für den Sundowner kamen wir in Port Louis vor unserer Lieblingsinsel an. Platz gab es zur Genüge, das Wasser war glasklar, vom Land her schallte die Musik des 1.Mai-Konzertes und wir konnten nach dem obligaten Bad zum Abwaschen des Salzes, das nach so einem Amwindkurs nicht nur überall an sea magiX, sondern eben auch an ihrer Crew klebt, den kühlen Sundowner im Cockpit geniessen und dabei dem Sonnenuntergang zusehen. Was gibt es Schöneres?
Später zerlegte der Skipper den Hitzemelder nochmals, nachdem alle Versuche, ihn mit den Coolpacks aus dem Eiskühlfach des Kühlschranks zu kühlen, erfolglos geblieben waren. Alle seine Recherchen im Internet waren ergebnislos geblieben: nirgends konnte er eine Rückstellung auf die Werkseinstellungen finden, die eine solche Fehlfunktion aufheben würde. Das Gerät wurde kurzerhand ausgebaut und seither verlassen wir uns wieder auf die herkömmlichen zwei Schritte: Blick zum Auspuff, ob Kühlwasser kommt, und Blick auf das Startpanel, ob dort alles normal ist.
Und der Kompass? Der wünschte sich wohl nochmals eine neue Kalibrierung, aber dazu brauchen wir ruhigere Verhältnisse. Bis dann wird er seinen Dienst auch so tun, hoffen wir…
Die Versuchung, in Marie Galante einige Tage zu bleiben, war gross. Es ist uns einfach wohl dort vor der Pfannkucheninsel. Aber andererseits möchten wir es nochmals versuchen, vor der Ankunft in Trinidad den Sprung nach Tobago zu schaffen. Dazu sollten wir rechtzeitig ein passendes Wetterfenster etwas weiter südlich erwischen. Und: auf Martinique möchten wir auch nochmals ein paar Tage verbringen. Also: weiter geht’s. In der nächsten Saison ergibt sich ja hoffentlich wieder die Möglichkeit, etwas länger auf Marie Galante zu bleiben.
Der Start am Samstag, 2. Mai fand angesichts der langen Strecke vor uns früh statt: etwa um halb sechs Uhr morgens gings los, mit der aufgehenden Sonne im Rücken, wieder am Wind, mit dichten Segeln und bald wieder mit gelegentlichen Spritzern an Deck und ins Cockpit, die immer auch gleich kleine Büschel Sargassogras mitbrachten.

Der Wind war relativ konstant und wir kamen an der Luvseite (der Ostseite, die dem Wind zugewandt ist) von Dominica gut voran. Bis wir die Mitte der Insel erreicht hatten. Plötzlich ging nix mehr. Es herrschte ein unglaubliches Kabbelwasser, die Wasseroberfläche war von Sargasso-Feldern bedeckt, wir schleppten einen Sargassoschweif hinter uns her, bewegten uns nur noch träge durchs Wasser und wurden mit jeder Minute ungeduldiger. Bis wir merkten, dass wir anscheinend an einer Stromkante mit Reflexionswellen vom Ufer her unterwegs waren. Ein paar Meter weiter hinaus gesteuert, ein Kringel, um das Seegras abzuschütteln, und schon bald preschte sea magiX wieder fröhlich südwärts und warf sich immer wieder mal ein Büschel des Grases über die Kante. Es hätte mich nicht überrascht, wenn mich irgendwann eines davon am Steuer ins Gesicht getroffen hätte.
Am Nachmittag hatten wir das Süd-Ende von Dominica erreicht und Martinique lag malerisch vor uns, mit der obligaten Wolke am Mont Pelé. Für die letzten 25 SM legte sich sea magiX nochmals so richtig ins Zeug und mit Hilfe des Stroms und eines günstigen Kurses, der nicht mehr ganz so hoch am Wind sein musste, rauschten wir mit ständig mehr als 7 Knoten Fahrt nach Martinique.
Auch diesen Platz in der uns von früher bekannten winzigen Anse Céron erreichten wir gerade noch rechtzeitig vor dem Sonnenuntergang. Ähnlich wie vor der Rivière Sense hatte auch hier am Kap der Wind nochmals aufgefrischt und die Böen fegten mit 22 Knoten und mehr über uns hinweg. Das Segelbergen wurde wieder etwas knifflig, aber im glatten Wasser gelang es trotzdem ohne grosse Probleme und schon bald hingen wir über dem dunklen Wasser der Bucht (mit schwarzem Sand) am Anker und konnten zufrieden auf ca. 72 schöne Segelmeilen zurückblicken.






















































































