Wir waren wild entschlossen und gefühlt sehr gut vorbereitet: diesmal sollte es klappen mit Tobago. Letztes Jahr im Mai waren wir von Martinique aus gestartet und hatten nach 24 Stunden den Versuch abgebrochen (vgl. Pläne sind zum Ändern da) und waren nach Grenada abgebogen, als wir ausrechnen konnten, dass wir nochmals zwischen 36 und 48 Stunden gegenan vor uns hätten. Diesmal wussten wir, was uns bevorstand, und brachten uns deshalb – so dachten wir – perfekt in Position, um den mühsamen Amwindkurs bei Gegenstrom möglichst überschaubar zu halten. Wir hatten viele Berichte und Beschreibungen von Tobago von Seglern gelesen. Immer wieder stand da „the most beautiful island we have been in the Caribbean“, „paradise“, „wonderful“, etc. etc. Da wollten wir auch hin. Deshalb verkürzten wir die Strecke auf nur noch 110 SM von Bequia aus, kochten vor, schliefen vor, bereiteten Schiff und Crew für ca. 36 Stunden Härtetest vor und warteten auf ein Wetterfenster, bei dem der Wind im Wetterbericht mit machbaren 4-5 Bft Mittelwind und Böen von 5 Bft aus Ost ohne Süd-Einschlag angegeben war.
Am Sonntag, 17.5. war es endlich so weit. Es war Wind aus Ost mit leicht nördlichem Einschlag angesagt, Mittelwind mit zwischen 15 und 18 Knoten (also 4-5) und nur selten Böen mit 22 Knoten (also anfangs Bft 6), sowie schönes Wetter. Nichts wie los!
Um den mühsamen ersten Teil mit starkem Gezeiten-Gegenstrom zwischen den Inseln zu verkürzen, und uns nochmals in eine bessere Position zu bringen, segelten wir am Sonntag aus der windigen Admiralty Bay von Bequia nordwärts und dann ostwärts zur Baliceaux Island.
Dort gibt es eine kleine, geschützte Bucht, die Landing Bay, in der wir zwischen den beiden Riffs auf jeder Seite ankern konnten. Die Fahrt da hin mit starkem Strom und wechselndem Wind war anspruchsvoll. Das Liegen in der winzigen Bucht dann noch viel mehr: so gerollt am Anker sind wir wohl schon seit ewigen Zeiten nicht mehr. Vielleicht Sagres, Portugal? Oder am Mull of Galloway in Schottland? Aber der Anker hielt gut und wir werden ja zum Glück bisher nicht seekrank und konnten so die spezielle Stimmung an diesem speziellen Ort trotzdem geniessen. Zudem fand ich, das sei gleich eine Einstimmung für die kommenden noch 100 SM am Montag und Dienstag.
Baliceaux hat eine sehr traurige Geschichte: die Insel wurde im 18.-19. Jh. von den englischen Kolonialherren als Deportationsinsel für aufmüpfige Caribs genutzt. Bis zu 8000 Menschen wurden hierhergeschleppt, ohne ausreichend Wasser und Nahrung. Ich mag mir das Elend nicht vorstellen.
Für Montagmorgen hatten wir den Wecker auf 5h gestellt und das Frühstücksmüesli am Vorabend vorbereitet. Im inzwischen üblichen Morgenschauer hoben wir den Anker und motorten hinaus aus der Bucht und weiter hinaus, zwischen Mustique und Baliceaux ins „Freie“. Die See war wild und wirr wegen des Gezeitenstroms (ok, wir hatten gehofft, diesen Teil am Vortag schon überwunden zu haben – das war zu optimistisch gewesen). Mühsam kämpfte sich unsere brave sea magiX durch das Wellengewühl. Nach etwa einer Stunde waren wir endlich weit genug draussen, um die kleinste Version unseres Grosssegels (also mit 2 Reffs) zu setzen und mit einem (so im Logbuch eingetragenen) winzigen Stück Vorsegel auf Kurs zu gehen. Wind: konstante 5-6 Bft aus Ost-Süd-Ost (wie war das nochmal mit dem Nord-Einschlag?), Wetter: Schauer mit stärkeren Böen, Seegang: die angekündigten ca. 2.5m segelbare Welle, kombiniert mit kurzen Stopperwellen, deren Täler sich wie Löcher plötzlich vor uns öffneten und uns mit Garacho hineindonnern liessen. Die Wellen spritzten regelmässig übers Deck, ins Grosssegel und ins Cockpit und gelegentlich ergoss sich eine vollständig übers Sprayhood, so dass wir auch den Niedergang-Deckel schliessen mussten. Die Regenschauer machten da bezüglich Nässe keinen Unterschied mehr – sie halfen nur, das Salz ein wenig zu verdünnen.
Naja, wir hatten ja gewusst, dass es anstrengend und mühsam würde. Dafür lief es aber einigermassen gut: bei 6.5 bis 7.5 Knoten Fahrt durchs Wasser machten wir immerhin zwischen 4.5 und 5 Knoten Fahrt über Grund, d.h. der Gegenstrom und die Wellen bremsten uns zwar, aber nicht ganz so schlimm, wie wir befürchtet hatten. Mit der GoPro versuchte ich, die Stimmung der Fahrt in kurzen Videos einzufangen. Es wollte nicht so recht gelingen. Das ist wohl ein Lernfeld für die Zukunft für mich.
Abwechslungsweise legten wir uns in der Salonkoje hin, um ein wenig zu entspannen und Kräfte zu sammeln. Vielleicht war das dann aber auch der Fehler: es war in diesen „Entspannungsminuten“, in denen wir jeweils die Brutalität der Kräfte, die auf unser braves leichtes Schiff wirkten, besonders wahrnehmen konnten. Etwa einmal pro Minute, vielleicht auch öfters, donnerte sea magiX mit ihrem ganzen Gewicht in das nächste Wellental. Das liess sie bis in die oberste Mastspitze erzittern, im Schiff knallte und krachte es wie bei einem Häusereinsturz und die Person, die gerade auf der Koje lag, wurde mit 2G in die Kissen gedrückt, dass es ihr den Atem nahm. Einen halben Tag lang waren wir so unterwegs, bevor wir Erbarmen mit unserer treuen sea magiX hatten. Wir wissen, dass X-Yachten überaus stabil gebaut sind, und dass sie wirklich sehr viel aushalten. Aber die Vorstellung, sie nochmals etwa 24 Stunden lang so zu belasten schien uns einfach eine Herausforderung des Schicksals zu sein. Es war ein harter Entscheid. „Nur“ noch 80 SM lagen zwischen uns und Tobago. Wir waren noch nie so weit gekommen. Und uns Crewmitgliedern ging es bestens. Nur die Sorge um unser Schiff liess uns nicht mehr los. Geistige Bilder von brechenden Terminals im Rigg oder ähnlichem kamen auf. Wollten wir wirklich die Lebenszeit unseres Bootes durch diese lange Beanspruchung verkürzen? Nein, nicht wirklich.
Schweren Herzens fiel der Entscheid: ok, abfallen und zurück zu den Grenadinen.
Das Bergen des Grosssegels in diesem Seegang war mal wieder eine Herausforderung. Siehe da – die Lazyjacks sind doch tatsächlich endlich mal nützlich! Mit dem Wind und den Wellen rauschten wir wieder westwärts. Der Skipper setzte die Gastlandflagge der Grenadinen wieder. Nach vier Stunden hatten wir Canouan und das ruhige Wasser hinter der Insel erreicht. Schön rechtzeitig, mit noch genügend hohem Sonnenstand, um Sand von Fels und Seegras im klaren Wasser unterscheiden zu können, fiel der Anker.
Etwas nachdenklich sassen wir beide mit dem Sundowner in der Hand im Cockpit und schauten dem wunderschönen Sonnenuntergang zu. Wir hatten gerade zwei Tage und viel Aufwand für knappe 20 Seemeilen Luftlinie gebraucht… Fazit? Vielleicht „müssen“ wir halt nochmals eine Transat planen, um Tobago von den Kap Verden aus zu erreichen. Wenn es mit dem Verkürzen der Strecke nicht gelingt – dann vielleicht eben durch eine markante Verlängerung?
Vorerst geht es jetzt mal darum, die nächsten zwei Wochen sinnvoll zu nutzen. Die Grenadinen haben noch sehr viel zu bieten, das wir noch nicht kennen. Und wir wissen ja schon lange: Pläne sind zum Ändern da.
Blick zurück auf 3 Tage Bequia
Die Tage auf Bequia seit unserer Ankunft aus Martinique standen zwar stark im Zeichen des geplanten „Absprungs“ nach Tobago. Gleichzeitig genossen wir es auch, die Insel mit deutlich weniger anderen Touris zu teilen. Am Donnerstag spazierten wir durch Port Elizabeth und entlang dem malerischen Walkway bis zur Margaret Bay, dann wieder zurück und noch hinauf zum Hamilton Fort mit Aussicht auf die ganze Bucht.
Beim Spaziergang durch Port Elizabeth hatten wir das Schild für Rent a Scooter gesehen, das uns auf die Idee brachte, am Freitag eine Vespa von „Daffodil Marine Services“ zu mieten. Der Junge von Daffodil war mit einem Zettel mit allen angebotenen Services und den Kontaktdetails vorbei gekommen, als wir angekommen waren. Nun zahlte sich für ihn der unaufdringliche kleine Aufwand aus und er verdiente 120 ECD von uns für seinen Roller. Als wir ihn nach der Tankfüllung fragten, meinte er lächelnd, „she don’t drink any“ und wir könnten auf ganz Bequia umherfahren und hätten am Schluss noch immer einen vollen Tank. Nun, da hatte er die Rechnung ohne Kenntnis seines Kunden gemacht, aber das konnte er ja nicht wissen.
Schon um 9h gings los, zuerst nach Süden in Richtung des Flughafens der Insel. Eigentlich hatten wir vor gehabt, von da unterwegs die Wanderung hinauf zum Mount Peggy zu machen. Aber bald wurde klar, dass es uns zu heiss wäre, denn die sehr trockene Vegetation bot keinen Schatten und so war es auch schon um 10h Vormittags drückend heiss, trotz starkem Passatwind. Aber statt zu wandern erforschten wir eben jedes Strässchen und viele Feld- bzw. Schotter- und Drecksweglein.
Im Süden kamen wir beim Walmuseum vorbei (Nachsaison – niemand da) und fanden im winzigen Fischerhafen beim Flughafen einen riesigen Walknochen ebenso beiläufig am Strassenrand deponiert, wie die „Knochen“ eines zerlegten Aussenborders.
Auf der Suche nach einem Aussichtspunkt ging es mehrfach quasi senkrecht die Bergflanke hinauf, so dass ich unterwegs absteigen musste, wenn unserem Töffli der Schnauf ausging. Wir folgten den Telefon- und Stromleitungen hinauf, bis sie irgendwo einfach endeten. Das weiter zu verbauende neue Kabelmaterial, Isolatoren und diverse andere Zutaten lagen unterwegs bereit, aber es wirkte, wie wenn dem Projekt auf halbem Weg das Geld, Knowhow oder die Motivation ausgegangen wäre.
Immer wieder staunte ich über die halsbrecherisch an den Hang gebauten Häuser mit ihren hohen Stelzen (teils zwei Stockwerke hoch) und der schmalen „Brücke“ zur Eingangstür von der Strasse her. Da darf man nicht zu viel getrunken haben, wenn man heil von der Strasse bis in sein Haus oder Häuschen kommen will! (Oft hatten sie kein Geländer und waren nur zwei Bretter breit). Wasser- oder Stromleitungen sah man in diesen Gebieten wenige. Die meisten Häuser haben grosse Kunststofftanks als Zisternen. Wie sie die Abwasser- und Kanalisationsthemen gelöst haben, konnte ich nirgends klar sehen. Aber es wird gerade viel gebaut auf Bequia. Nicht „nur“ der Wiederaufbau seit Beryl von 2024. Auch Neubauten scheint es viele zu geben. Was dann mit all diesen Häusern teilweise in den entlegensten Ecken hoch auf einem Hügelgrat sitzend geschehen soll? Vielleicht sind es alles Ferienwohnungen oder Gästehäuser. Wir wissen es nicht.
Vom Südwest-Ende der Insel gings dann zurück zur Friendship Bay, die wir im Dezember zu Fuss erreicht hatten, und dort am Ende der Bucht zum Bequia Heritage Museum. Ebenfalls geschlossen, aber mit quasi Freiluft-Ausstellung von diversen Walfangbooten. Und einem Bänkchen auf der schattigen, luftigen Terrasse, wo wir unser Sandwich verdrücken konnten.
Weiter nordwärts, schon fast am Ende der Strasse, lag früher die Turtle Sanctuary. Auch die wurde von Beryl zerstört. Wir konnten noch die Ruinen besuchen und am Strand ein wenig aufs Meer hinaus schauen, aber das dick angeschwemmte Sargassogras stank fürchterlich und lud nicht zum Bleiben ein.
Bald hatten wir jeden geteerten oder betonierten Weg auf der Insel befahren, sowie einige ungeteerte dazu.
What next? Wir genehmigten uns eine eisgekühlte Cola in der momentan leeren Strandbar an der Lower Bay und studierten zugleich ein Exemplar der berühmten Manchineel Trees, deren kleine Apfel-ähnlichen Früchte giftig und der Kontakt mit der Milch schmerzhaft irritierend für die Haut ist.
Dann gings zurück nach Port Elizabeth und zu Coco’s Place, wo wir schon am Vortag sehr fein zu Mittag gegessen und dabei mit einigen Kadettinnen eines dänischen Schulschiffes, der „Danmark“ gesprochen hatten.

Auch am Freitag bot Coco’s wieder feinen Fisch mit Salat und Wedges. Im Gespräch meinte der Kellner, die Saison sei schon ganz vorbei. „It’s dead already!“ Coco’s bleibe auch in der Sommerzeit geöffnet, ausser wenn sie für ein wenig Renovationsarbeit ein paar Tage lang schliessen würden. Aber die meisten anderen Lokale und auch viele Geschäfte würden Juni bis November schliessen. Dann sei es wirklich „dead“. Das können wir uns vorstellen, auch wenn wir die ruhigere, weniger aufgeregte Stimmung dieser Tage sehr schätzten. Abends fanden jedenfalls weiterhin jeweils diverse Livekonzerte statt, die wir vom Schiff am Anker aus in erträglicher Lautstärke geniessen konnten. Wie es dort vor Ort gewesen sein muss, wissen wir nicht. Die Suva hätte wahrscheinlich Ohrstöpsel verteilen lassen.
In Vorbereitung unserer baldigen Abfahrt klarierten wir schon gleich am Freitagnachmittag noch von den Grenadinen aus. So waren wir bereit, falls wir schon am Samstag losziehen wollten.
Den Samstag verbrachten wir dann aber doch noch am Anker in der Admiralty Bay. Es windete einfach zu stark für unsere Bedürfnisse. Anscheinend fanden irgendwelche Vögelchen aber, der Platz bei unserem Radarschirm sei geschützt genug, um dort mit dem Nestbau zu beginnen. Die armen haben wohl nicht schlecht gestaunt, als ihr Nest am Sonntag einfach losfuhr… (In der Bucht bläst es übrigens auch sonst immer richtig stark. Es wirkt, wie wenn der Wind durch die Hügel gebündelt und dann noch beschleunigt würde. Aber wir hatten wieder 50 m Kette bei ca. 3.5-4m Tiefe draussen und wussten, dass der Anker gut hielt.) Und bekanntlich war die Wettervorhersage für Sonntag bis Dienstag ja noch besser. Was dann daraus wurde, habe ich ja schon oben beschrieben.






























































































