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Unser Kampf mit der karibischen Bürokratie

Was passiert in karibischen Gewässern, wenn es keinen vorgesehenen Prozess für die Unvorhersehbarkeiten des Lebens gibt? Wir haben es soeben gelernt. Unsere letzte Segelwoche verlief etwas anders als geplant und forderte uns nochmals auf verschiedenen Ebenen heraus.

Am Pfingstmontag, 25.5., hoben wir den Anker vor Mayreau und segelten nach südsüdost, auf der Luvseite von Union Island vorbei in Richtung Petite Martinique. Erste Boote kamen uns von dort entgegen mit Dinghies und Traditionsbooten im Schlepp oder aufgeladen. Die Pfingstregatten waren wohl wirklich inzwischen vorbei. Es blies weiterhin starker Wind aus Ost und die See war rauh, so dass auch der Skipper irgendwann einverstanden war, direkt nach Carriacou zu fahren. Die Chance, dass die Nacht vor Petite Martinique unruhig geworden wäre, wirkte sehr real. Im Nachhinein ein Glücksfall, denn da wussten wir noch nicht, dass uns einige unruhigere Nächte mehr bevorstanden, als erwartet.

Vor Hillsborough fanden wir einen Ankerplatz fast alleine, an dem wir auch bei den starken Böen mit mehr als 24 Knoten gut schwingen konnten. Leider dauerte es nicht lang, bevor sich ein niederländisches Aluboot sage und schreibe zwei Bootslängen neben uns legte. Wir staunten: da gab es Hunderte von Metern Ankermöglichkeit und der musste sich ausgerechnet dahin legen? Dann staunten wir noch mehr: er hatte bei 6m Wassertiefe noch eine Ankerboje gesetzt, mit deutlich zu viel Leine. Es dauerte nicht lange, bis unser Heck nur noch wenige Meter von der Boje und damit von der Schwimmleine entfernt war.

Wir ruderten das Dinghy trotzdem mal an den Strand, um Hillsborough ein wenig zu erforschen und vielleicht irgendwo eine offene Bar für einen Drink zu finden. Vielleicht würde der Holländer in der Zwischenzeit ja merken, dass er uns in Bedrängnis gebracht hatte?

Hillsborough ist – wie alles auf Carriacou – voll mit dem „Sich-wieder-Aufrappeln“ nach Beryl beschäftigt. Der Feiertag trug sicher ebenso seinen Beitrag zur ausgestorbenen Stimmung hinzu, nebst dem Saison-Ende. Aber die Zerstörung war überall und das Bild von vielen Providurien unübersehbar. Immerhin: einiges an Infrastruktur gibt es schon wieder; die Strasse ist plusminus freigeräumt, Stromleitungen hängen wieder in der Luft (wenn auch teils prekär) und liegen nicht am Boden und viele Baustellen zeugen vom allmählichen Aufräum-, bzw. Aufbauwillen. Wasserleitungen oder Abwasserleitungen konnten wir keine intakten erkennen. Das muss bei der anhaltenden Trockenheit ein sehr grosses Problem sein. Wegen des Feiertags war nicht ersichtlich, ob die derzeit geschlossenen Läden und Bars permanent oder nur temporär zu waren.

Nachdem wir zwei Stunden lang kreuz und quer durch das Örtchen spaziert waren und weder Bar noch Beiz noch nicht bekifften oder betrunkenen Menschen begegnet waren, kehrten wir zu sea magiX zurück. Deprimierend… und eine eindrückliche Erfahrung über die langfristige Wirkung der Zerstörungswut von Hurricanes. Beryl war fast genau zwei Jahre davor direkt hier über die Inseln gefegt.

Zurück bei sea magiX stellten wir enttäuscht fest, dass der Holländer weder umgeankert hatte, noch überhaupt an Bord war, damit wir ihn hätten darum bitten können. Aber mit so einer Fangleine so einladend nah an unserem Kiel und Ruder konnten wir die Nacht hier nicht in Ruhe verbringen, so lange die Böen mit 24 Knoten und mehr über die Bucht fegten. Kurz entschlossen hoben wir wieder den Anker und flüchteten in die nächste Bucht, die Tyrell Bay. Dort mussten wir am Dienstag ja sowieso hin, um auf Grenada (Carriacou gehört zu Grenada) wieder einzuklarieren.

Am Dienstag nahm das Schicksal dann seinen Lauf.

Die Immigration- und Customs-Leute auf Carriacou bekommen auf der App Noforeignland schon seit längerem durchgehend schlechte Bewertungen. Höchst unfreundlich, pingelig, ineffizient (man ist angehalten, das Einklarierungsprozedere online zu machen, muss dann aber vor Ort nochmals das Gleiche auf Papier ausfüllen und zwar in mehreren Kopien und je nach Laune der Beamtin ohne Durchschlagpapier) und aus meiner Sicht passiv-aggressiv, denn die Dame ist zB. bekannt dafür, dass sie einen zwingt, die elenden Formulare von Hand auszufüllen, aber keinen Kugelschreiber zur Verfügung stellt. Wir kannten sie ja schon vom Dezember, als wir hier ausklarierten, waren aber trotzdem nicht vorbereitet für dieses Mal. Denn wir hatten nicht beachtet, dass wir (Zitat) „SOFORT“ nach unserem Tobago-Versuch hätten das Ausklarieren von St. Vincent and the Grenadines (SVG) rückgängig machen müssen. Die Dame telefonierte zuerst nochmals mit ihrem Supervisor, akzeptierte unsere Papiere dann aber nicht und schickte uns zurück nach SVG.

Wir schauten uns an – ok, nach Clifton auf Union Island, d.h. zum nächsten Ein- und Ausklarierungsort für SVG waren es ca. 10 SM. Das konnten wir – auch bei starkem Wind quasi auf die Nase – am gleichen Tag noch schaffen, und zu Öffnungszeiten dort vorsprechen. Also wieder Anker auf und los gings zurück nach Norden. An Clifton haben wir sehr schlechte Erinnerungen wegen der aufdringlichen Boat Boys, die eine Bojenpflicht durchzusetzen versuchten, bei gleichzeitig sehr unruhigem Wasser hinter dem schmalen Riff ohne Windschutz. So fuhren wir direkt zur Frigate Island, die etwas mehr Wellenschutz bietet, wenn auch kaum Windschutz (und deshalb ein Kitesurfer-Paradies ist). Der Anker hielt schnell und sehr gut im 3.5m tiefen Wasser mit 45m Kette und schon bald waren wir mit unseren Dokumenten im Dinghy unterwegs, um den Weg hinter dem Riff nach Clifton zu suchen. Das gelang bis zur letzten Ecke, wo mein Protest den Skipper gerade noch davon abhalten konnte, den Weg durch die Brandungswelle hinaus aus dem Riffschutz zu suchen. Viel lieber lief ich die paar hundert Meter noch zu Fuss über den Hügel vom Friedhof zum kleinen Hafen. Ich wusste schon, dass es wohl nicht gerade mein Tag war: zum negativen Bescheid der Beamtin in Carriacou waren noch unerfreuliche Nachrichten aus der Heimat hinzu gekommen und dann schaffte ich es auch noch, unsere Flaggleine der Gastlandflagge entwischen zu lassen, so dass sie im Wind hinter Frigate Island horizontal auswehte… nicht mein Tag, aber ich hatte die Stärke der negativen Stimmung noch unterschätzt. Immerhin konnte ich den Skipper später schadlos in den Mast winschen und er entsorgte dabei gleich auch unser Vogelnest vom Radar.

Froh, dass wir es noch gut innerhalb der Öffnungszeiten geschafft hatten, begrüssten wir die drei Behördenrepräsentanten im kleinen Raum mit ihren grossen Büchern und brachten unser Anliegen vor. Wir müssten – gemäss der Dame aus Carriacou – nochmals ein- und dann wieder ausklarieren. Es begann ein grosses Palaver. Alle drei (die Dame von der Immigration, der Herr von der Port Authority und die Dame von Customs) telefonierten mit ihren Supervisors. Nach einiger Zeit und viel Hin und Her schälte sich für uns das Problem heraus: es gab für unsere Situation keinen Prozess. Sie konnten uns nicht wieder einklarieren, weil wir keinen Stempel eines anderen Landes vorweisen konnten. Auch wenn wir ausserhalb der Hoheitsgewässer von SVG gewesen waren, hatten wir ja kein Papier (die elektronische Sailclear-Version zählte nicht – ist nicht offenbar nicht genug greifbar…) mit dem offiziellen Nachweis. Und ausserdem hatten wir ja auf Bequia ausklariert und nicht hier, also konnten sie hier sowieso nichts machen. Wieder und wieder sagten sie uns, dass wir hätten „SOFORT“ nach Bequia zurück segeln müssen, um das dort zu versuchen zu regeln. Und wieder und wieder entschuldigten wir uns für den Fehler und fragten, wie wir den denn jetzt korrigieren könnten. Darauf hatten sie dann aber keine Antwort, denn es gibt keinen definierten Prozess für eine solche Situation. Es sei eben eine Frage des Gesetzes und wir hätten uns nicht daran gehalten. Was ich bis heute nicht verstehe, ist, dass es für eine Gesetzesübertretung wie diese keine vorgesehenen Schritte zur Korrektur zu geben scheint. Inzwischen waren wir so mürbe, dass ich „gerne“ eine Busse bezahlt hätte, um die Situation zu regeln. Aber nein, es gab keinen Prozess und sie konnten, bzw. wollten uns nicht weiterhelfen. Im Gegenteil – sie forderten uns auf, SVG innerhalb der nächsten 24 Stunden zu verlassen.

Benommen verliessen wir erstmal das Büro. Die Situation war kafkaesk: Grenada wollte uns mit unseren Papieren nicht hineinlassen und SVG schickte uns ohne Papiere weg. In Erinnerung an den Empfang in St. George auf Grenada vor einem Jahr, als der Beamte dort protestierte, wir könnten nicht beim Ausklarieren Tobago als Destination angeben und dann statt nach Tobago nach Grenada kommen, waren wir skeptisch, dass er die Sache lockerer sehen würde als seine Kollegin von Carriacou. Und Trinidad ist speziell bekannt dafür, dass das Einklarieren ein komplizierter Prozess sein kann… wir waren ratlos und verbrachten eine sehr unruhige Nacht mit sehr wenig Schlaf am Anker hinter Frigate Island. Irgendwann mitten in der Nacht setzte sich Bänz an den Laptop und begann, Wetterberichte und Routen zu jonglieren. Bei Tagesanbruch hatte er drei Varianten: 1. Nach dem Prinzip Hoffnung auf den Goodwill der (sonst sehr freundlichen) Beamten von St. George die 40 SM dort nach Süden zu segeln und zu hoffen, dass sie es dort für/mit uns regeln könnten. 2. Nach dem gleichen Prinzip aber mit der Hilfe von Jessie James, der sich dort sehr für die Cruiser einsetzt, die ca. 120 SM nach Süden direkt nach Trinidad segeln und halt deutlich früher dort zu sein als erwartet. Bei beiden Varianten stellte sich die Frage, was wir machen könnten, falls der Goodwill der Beamten nicht reichen würde. Wir wussten es nicht.

Deshalb entschieden wir uns für die dritte Variante: ca. 120 SM zurück nach Norden segeln, nach Martinique, wo ein Rechtssystem gilt, das wir verstehen und uns unabhängig von Beamtenlaunen darauf verlassen können. Es war weiterhin viel Wind aus Ost angesagt, aber keine Gewitter. Wir hatten genug Vorräte an Bord, um problemlos zwei Wochen unterwegs sein zu können. Und die Variante gab uns wieder das Gefühl von Selbstwirksamkeit zurück, denn wir können offensichtlich noch immer nicht gut genug mit der karibischen Bürokratie umgehen, aber wir wissen, dass wir unser Boot auch in anspruchsvollen Bedingungen segeln können. Erleichtert, wieder selbst die Kontrolle über unsere Entscheidungen zu haben, hoben wir im Morgengrauen den Anker und segelten los nach Norden.

Es wurde eine schöne Fahrt, mit nicht zu viel aber auch nicht zu wenig Wind. Die Sonne war versteckt hinter einem Schleier – Saharastaub so weit im Westen? Jedenfalls waren alle Leinen und Fallen auf der Windseite inzwischen ziemlich braun gefärbt. Vielleicht eben doch die Sahara, die es hier herüber gewindet hatte. Schon bald nach dem Start begegneten wir auf Gegenkurs einem vertrauten Schiff, majestätisch südwärts ziehend: die St. Raphael mit Karin und Marc auf geplantem Kurs. Das Gespräch über VHF blieb zwar gezwungenermassen begrenzt, aber tat trotzdem gut. Geistesgegenwärtig hatten sie auch noch gleich zwei Bilder von sea magiX auf Gegenkurs gemacht. Danke liebe Karin und Marc!

Und weiter gings nordwärts, an all den schönen Inseln vorbei: Canouan, Mayreau, Mustique, Bequia und über den Bequia Channel hinauf nach St. Vincent. Im Windschatten der grösseren Insel wurde es wie üblich schwieriger mit den Kursen und Windstärken, aber auch das liess sich managen. Müde nach ca. 45 SM anspruchsvollem Segeln und der vorher durchwachten Nacht kamen wir gegen Abend in der Bucht von Chateaubelair an und liessen den Anker am Ende der unerwartet längeren Reihe von Booten fallen. Noch ein paar Gespräche mit einigen Teenagern, von denen der erste mit seinem Angebot von 7 frischen Mangos für 10 ECD gleich erfolgreich war. Wir hatten auch ein richtiges Gespräch geführt und es war nicht nur eine Reihe von Fragen gewesen à la „habt Ihr ein wenig Epoxy für mein Boot?“, über „ein paar Süssigkeiten?“ bis zu „ein altes Smartphone?“… Fragen, auf die wir alle negativ reagierten. Diese Art der gezielten „Bettelei“ ging mir in dem wenig ausgeschlafenen Zustand nun doch eher auf die Nerven. Unser erster Gesprächspartner kam dann tatsächlich nach einiger Zeit wieder, mit einem frisch gepflückten Sack voll fein riechenden Mangos. Und wurde für seine Mühe (er meinte, „sein“ Baum sei schon fast leer gepflückt gewesen und er hätte ganz weit hinauf klettern müssen) gleich mit dem doppelten Preis belohnt, weil wir keine kleineren Noten mehr hatten. Ob er das den Kollegen erzählt hat? Ich weiss es nicht.

Obwohl es ziemlich rollte in unserer Bucht schliefen wir tief und fest, bis uns der Wecker kurz vor 5h wieder aus dem Schlaf holte. Weiter gings – wenn möglich wollten wir gerne noch am selben Tag St. Anne auf Martinique erreichen. Oder mindestens die Rodney Bay im Norden von St. Lucia. Sea magiX zeigte sich von ihrer besten Seite und liess sich auch im wirklich ekelhaften St. Vincent Channel nicht gross beeindrucken. Der Channel hat immer sehr unangenehmen Seegang, aber wenn der Wind mit 5 Bft und stärkeren Böen bläst, wird es dort richtig ungemütlich. Innert weniger Minuten waren wir „eingesalzen“, aber bei den noch immer herrschenden Temperaturen (auch morgens) kein Problem. Auch hinter St. Lucia wurde der Wind unberechenbar und zerrte an unseren Nerven mit Abstellern, Drehern und Fallwindböen. Die Rodney Bay hatten wir Mitte Nachmittag erreicht. Sollten wir noch weiter segeln, mit einem bestimmt anstrengenden Am-Wind- oder sogar Kreuzkurs? Ankommen würden wir in jedem Fall erst im Dunkeln… Der Wetterbericht versprach für den nächsten Tag einen etwas südlicheren Einschlag und vielleicht zwei drei Knoten weniger Wind. Wir entschieden uns für die Übernachtung in der Rodney Bay und nochmals einen frühen Start am Freitagmorgen. Das war eindeutig der richtige Entscheid gewesen. Sobald wir am nächsten Morgen aus der Kabbelsee des Nordkaps von St. Lucia herausgekommen waren, wurde es ein schöner, schneller Halbwindkurs. Und schon um 09:45h hatte uns Jean-Marie von der Marina Le Marin zu unserem Platz am altbekannten Steg Nr 6 gebracht. Geschafft! Wir waren wieder auf französischem Boden und hatten mit der französischen Sailclear-Variante auch schon unsere Ankunft dokumentiert, d.h. einklariert, und somit den ersten Schritt unserer Re-Legalisierung gemacht. Mit Getöse rollte eine grössere Geröllhalde von unseren Herzen.

Den Rest des Tages nutzten wir damit, aus der Situation das Beste zu machen: mit viel Süsswasser das ganze Schiff von viel Salz befreien und gleich den Tank füllen, ein sehr feines Mittagessen bei MAMI’s mit geräuchertem Loup des Caraïbes und der geräucherten Currywurst, von der der Skipper immer wieder geträumt hatte, diverse Chandlery-Besuche, viel Feines einkaufen im Pli Bel Price, Wein- und alkoholfreie Biervorräte nachfüllen und abends nochmals sehr fein essen gehen beim Nachfolger von Madame Nicole im Marin Mouillage.

Als wir danach todmüde in die Kojen krabbelten, waren wir schon wieder mit der Situation versöhnt. Auch die ruhige Nacht in der Marina half. Am Samstagmorgen hatten wir – nach dem Frühstück mit ganz frischen, knusprigen Polka Baguettes– das nächste Aha-Erlebnis. Der sehr hilfsbereite junge Mann von der Marina druckte und stempelte, ohne mit der Wimper zu zucken, gleich diverse Varianten unserer Ausklarierungspapiere. Ausgerüstet mit Formularen, die – offiziell gestempelt – sowohl eine Ankunft in Grenada als auch eine direkt in Trinidad angaben, mit genügend Spielraum für Übernachtungen unterwegs, oder doch auch ohne, verliessen wir gegen 10h übervoll dokumentiert wieder Martinique und machten uns auf den Weg zurück nach Süden.

Froh, dass das Wetter weiterhin recht stabil mit nur wenigen Regenwolken blieb, zogen wir wieder an St. Lucia vorbei. Während wir am Hinweg tagsüber fast alles von Hand gesteuert hatten, liessen wir nun den Autopiloten arbeiten. Er machte seinen Job bestens, auch wenn ihn ab und zu die stärkeren Böen forderten. Gegen das ständige Vibrieren unter Autopilot wegen der ausgeleierten Ruderlager hatten wir seit ein paar Wochen immer am Rad zwei oder drei Gummibänder befestigt. In den Böen zog unser Autopilot „Erich“ die Gummis jeweils lang und länger, und ab und zu lösten sie sich mit einem Knall vom Rad. Da empfahl es sich, nicht in ihrer „Flugbahn“ im Weg zu sein.

Am Abend kurz vor Sonnenuntergang hatten wir die Südspitze von St. Lucia erreicht, als das Wasser unweit von uns zu kochen begann. Was war denn da los? Delfine! Ein riesiger Schwarm (oder schwimmen Delfine in Rudeln?) mit mindestens 30 Tieren hatte dort gerade eine Konferenz und freute sich über den unangemeldeten Besuch. Lange begleiteten sie uns, immer wieder abwechselnd, wer sich gerade in unserer Bugwelle vorantreiben lassen durfte. Ich konnte mich kaum sattsehen. Welch schöner Sundowner! Den hätten wir sicher nicht bekommen, wenn alles ohne Bürokratiekampf abgelaufen wäre.

Über den St. Vincent Channel gab es einen ziemlich wilden Ritt in die Nacht. Mit dem doppelt gerefften Gross und nur noch wenig Genua waren wir mal wieder übertakelt unterwegs. Wenn die Wellen noch zusätzliche Geschwindigkeit brachten, fühlte es sich schon an, wie wenn sea magiX gleich lossurfen wollte. Kaum waren wir dann wieder hinter St. Vincent, liess der Wind nach und schlief dann sogar ganz ein, so dass wir ein paar Meilen motoren mussten. Beim Wachwechsel um 03h bargen wir dann das Gross noch im Wind- und vor allem Wellenschatten, um nicht im Bequia Channel die gleiche angespannte Situation zu haben, wie anfangs der Nacht. Der noch fast volle Mond schien hell aufs Deck und die Stirnlampen waren fast nicht nötig für das Manöver. Aber dafür kamen die noch immer angehängten Lazyjacks nochmals zum Zug. Einige Stunden später, bei Tageslicht, war dann wieder der Moment für das Gross gekommen und wir setzten es wieder mit dem doppelten Reff… (Wann hatten wir eigentlich letztmals das ganze Grosssegel gesetzt? Kurzer Blick ins Logbuch: das war mehr als einen Monat her, als wir von den BVIs nach Guadeloupe segelten!). Zügig ging es an den Grenadines vorbei, dann auch an Carriacou und am Rand der Exclusion Zone am Unterwasser-Vulkan „Kick em Jenny“. Im Wellenschatten von Grenada wurde es wieder ruhiger. Schlaf nachholen war angesagt.

Am Nachmittag um 16h hatten wir St. George im Süden erreicht. Hier nochmals eine Nacht und einen Tag verbringen und dann am Montag los? Der Wetterbericht sagte angenehmere Windstärken mit Böen bis nur maximal 24 Knoten gegenüber 25-26 am Montag und einen um wenige Grade günstigeren Einfallwinkel für diese Nacht voraus. Also nur eine kurze Stippvisite in der Bucht vor St. George. Ein letzter Sprung ins klare Karibikwasser, eine grosse Portion vorgekochtes Rindsragout mit viel grünem Salat aus Martinique, dann noch viele Formulare online ausfüllen, um uns ordnungsgemäss in Trinidad anmelden zu können und ein Powernap, und nach drei Stunden ging es wieder weiter.

Zu unserer Überraschung wurde es eine richtig angenehme, schöne Überfahrt. Die angemeldeten Windböen blieben aus. Ebenso die Regenschauer. Dafür schien der Mond stark durch die Schleierwolken und tauchte alles in sein silbernes Licht. Der Strom half uns sogar über grosse Strecken, anstatt wie erwartet gegenan zu kommen. Bei Tagesanbruch konnte man schon schemenhaft das Land erahnen und um 08h waren wir schon vor der Boca del Dragon.

Die spie tatsächlich eindrücklich; hier hatten wir fast 3 Knoten Gegenstrom. Entsprechend kabbelig war das Wasser, bis wir in der quasi windstillen Durchfahrt waren. Ein letztes Mal für diese Saison bargen wir die Segel. Sie hatten uns sehr gute Dienste geleistet. Eine Stunde später war der Anker fest in der Bucht von Chaguaramas, vor Peake Yacht Services. Müde aber zufrieden gaben wir uns ein High Five: wir hatten es geschafft und sowohl sea magiX als auch ihre Crew waren unbeschadet durch die ganze und teils intensive Saison gekommen. Ein Grund zum Feiern!

Das verschoben wir aber auf später. Zuerst wollten wir noch die Anmeldung auf Trinidad erledigen. Wir wussten noch nicht, dass uns dabei nochmals ein Bürokratiekampf bevorstand.

Eine halbe Stunde nach dem Ankern waren wir schon im Büro von Peake Yacht Services bei Daniella, die sich in gewohnt professioneller Art um die Vorbereitung unserer Dokumentation für Port Health, Immigration und Customs kümmerte. Sie stellte für jede der drei Behörden ein Pack Papiere zusammen, mit Kopien unserer Pässe, dem ausgedruckten QR-Code, den man neu als Bescheinigung der online ausgefüllten Einklarierung (Arrival Card) erhält, Crewlisten, Stowaway-List (in der man mit Vor- und Nachnamen auflisten könnte, wen man alles als Blinde Passagiere mitgebracht hat, Gesundheitsformulare (nicht nur für die Health Authority), in denen man angibt, welche tödlichen Krankheiten man soeben ins Land gebracht hat, und natürlich die Angaben zur Person, bei denen die absurderen Fragen nach der terroristischen Absicht oder erfolgten Spionagetätigkeiten ja schon seit längerem bekannt sind. Und natürlich: Kopien unserer Ausklarierung von Martinique, mit Destination Trinidad.

Ausgerüstet mit allen Papieren sprachen wir bald nach 10h bei der Port Health vor und hatten nach wenigen Minuten schon den ersten der drei Behördenschritte geschafft. Beschwingt ging es weiter zur Immigration. Dort bot sich uns ein anderes Bild: als wir in den kleinen Raum eintreten wollten, wurden wir vom Security Officer, der immer voll bewaffnet und mit Schussweste dort drinnen in der Ecke sitzt und auf seinem Handy Filmchen schaut, gleich wieder in die Sonne hinausgeschickt. Es sei zu voll hier drin. So wirkte es auch auf uns: alle 7 bereitgestellten Stühle waren besetzt, und vor dem einen Schalter standen noch etwa 5-6 Personen Schlange. Der Rest des Raums wurde vom stark übergewichtigen Security Officer und seinem persönlichen Ventilator (vor dem man nicht stehen durfte) eingenommen. Wir warteten draussen noch einen Moment, beschlossen dann aber, nach der Mittagspause (die ja sicher auch bei starkem Andrang eingehalten würde) wieder zu kommen, wenn sich hoffentlich schon ein Teil des Staus aufgelöst hätte.

Das war aber eine vergebliche Hoffnung. Als wir kurz nach 13h wieder vor der Türe standen, warteten schon zwei andere Personen draussen. Aha, also noch immer Vollbesetzung drinnen. In den nächsten 1.5 Stunden draussen bei ca. 30 Grad bewegte sich gar nichts. Niemand kam heraus, niemand konnte hinein… Mit dem Blick auf die Stege der Crews Inn Marina standen wir vor der Tür und warteten. (D.h. ich las meinen Krimi weiter, den ich in weiser Voraussicht mitgebracht hatte.)

Ausblick auf die Crews Inn Marina vom Balkon des Einwanderungsbüros aus

Dann gab der eine Mensch vor uns auf und etwa um 15h kam das erste Paar, d.h. das erste Boot heraus und wir durften alle drei hinein in die AC-gekühlte Amtsstube und uns einreihen. Erstaunt stellten wir fest, dass eigentlich gar nicht so viele verschiedenen Boote hier auf ihre Abfertigung warteten. Der Ablauf war einfach nur unendlich langsam, ineffizient und unübersichtlich, und die beiden Damen hinter dem Schalterglas zudem noch sehr unfreundlich. Besonders stossend war das Verhalten der Vorgesetzten: während sich die Kunden vor ihren Fenstern stauten, sah sie es nicht als ihre Aufgabe, auch Hand anzulegen, um vielleicht gleichzeitig zwei Boote abfertigen zu können. Sie war lediglich dafür zuständig, die Menschen im Raum zum Hinsetzen zu nötigen, sowie für die Abfertigung jener Unglücklichen, die ihre Ausreise-Unterlagen weniger als 48 Stunden vor ihrem Abflug vorbeibrachten, um den Ausreise-Stempel zu bekommen. Ein deutsches Paar hatte den Flug am Folgetag, aber Madame konnte partout nicht den Stempel jetzt gleich auf die – in Zeiten digitaler Flugtickets in zwei Anläufen mühsam zusammengesuchten – Papiere setzen, denn sie bräuchte 48 Stunden dafür… obwohl sie sonst ja nur hinter dem Schalter sass und in ihr Handy starrte.

Für uns stellte sie eigenhändig ein zusätzliches Pack Papiere zusammen, die wir mit Durchschlag von Hand nochmals ausfüllten (die fast gleichen Formulare hatten wir ausgedruckt dabei), nahm dann das, was sie zuvor zusammengeheftet hatte, wieder auseinander, und stellte fest, dass wir nur zwei statt drei kleiner gelber Formulare hatten. Meinen durch zusammengepresste Zähne geäusserten Hinweis, dass sie das Pack vor einer halben Stunde selbst zusammengestellt hatte, liess sie insofern gelten, als sie uns erlaubte, den fehlenden dritten Zettel gleich da auszufüllen. Aber es machte sowieso keinen Unterschied mehr: wir warteten bis kurz vor 17h. Da ich sowieso noch meinen Krimi fertiglesen wollte, konnte ich recht gut damit umgehen. Nur den Skipper musste ich ab und zu beschwichtigen und eine Explosion verhindern. Als wir dann endlich an der Reihe waren, begann die Reinigungskraft schon, den Boden um uns herum aufzunehmen. Es gab noch ein-zwei weitere Schwierigkeiten (weil die Beamtin mit dem neuen QR-Lesegerät, bzw. dem Programm dahinter wohl noch nicht so gut zurecht kam, konnte sie die hochgeladenen Bilder unserer Pässe nicht öffnen. Bänz musste das ganze 4-Seitige Formular nochmals online auf dem Handy ausfüllen und die Pässe als Fotos hochladen… die Explosion war wieder ganz nah an der Oberfläche, konnte aber nochmals abgefangen werden), aber gegen halb sechs waren wir – mehr als 6 Stunden nach dem Start dieses Prozessteils – mit einem „all done“ wieder draussen. Beim Zoll gings dann ganz schnell: der junge Mann, der dort noch die Stellung hielt, bereitete selbst für uns das Formular mit Durchschlagpapier vor, Stempel drauf und fertig – nach einer Gebühr von TTD 254, d.h. ca. CHF 32. Später erfuhren wir dann, dass wir für das Privileg von 6 Stunden Warten und Sozialstudien machen diese Overtime Fee hatten bezahlen dürfen. Aber das war uns dann auch schon völlig egal. Was waren wir froh, dass wir ein korrektes Ausklarierungsdokument von Martinique hatten vorweisen können! (Auch wenn sie es nicht als solches erkannt hatte, weil die englische Übersetzung erst an zweiter Stelle kam und sie nicht so weit gelesen hatte) Wir hätten von keiner dieser beiden Beamtinnen auf Goodwill oder Verständnis zählen können, wenn ihnen unser vorheriges Dokument nicht gepasst hätte.

Als die Türe zum Zoll etwa um 17:30h hinter uns zu schlug, hatten wir es endlich auch offiziell geschafft: angekommen, einklariert, und für einige Tage keinen Behördenkram mehr vor uns. Darauf konnten wir zurück an Bord gut anstossen und dann sehr bald in die Kojen kriechen. Es war eine intensive letzte Segelwoche gewesen.