Guadeloupe – der abwechslungsreiche Schmetterling

Wir hatten auf Marie Galante nochmals einen weiteren Tag genossen, den ich am Schiff vor allem mit (offline-)Arbeiten verbrachte, während Bänz sich um den Haushalt kümmerte. Abends genossen wir im «La Baleine» einen wunderschönen Sundowner und das gute Gefühl, viel erledigt zu haben.

Am Montagmittag gings dann los, nachdem wir noch kurz das «entlaufene» Dinghy eines grossen Katamarans eingefangen und zum Besitzer zurück geschleppt hatten. Der Kurs war etwas höher als halber Wind, und der blies noch immer kräftig mit ca. 25kn, so dass es nicht lange dauerte, bis Schiff und Steuerleute Salzwasser-geduscht worden waren. Auch die Süsswasserdusche mit kurzzeitigen Böen von 40kn folgte bald. Aber die Fahrt war schnell und schon bald zielten wir auf die Einfahrtsbojen zum Kanal, der zur Marina Bas du Fort von Pointe à Pitre führt. Wir hatten uns dafür entschieden, da wir wussten, dass Pointe à Pitre alle Möglichkeiten für Yachties bietet, und wir von dort auch die Option hatten, ostwärts in einem Schlag weiter nach Antigua zu fahren, wenn der Wind nachlassen würde.

Die Marina Bas du Fort empfing uns äusserst freundlich am VHF. Auf die Online-Reservationsmail hatten wir keine Antwort erhalten. «Oui, vous pouvez entrer, on trouvera une place pour vous », das hört man gerne. Vor allem, wenn der nächste Squall schon wieder schwarz hinter dem Hügel droht. Es war ein komisches Gefühl, nach recht langer Zeit wieder fix mit Bugboje und Heckleinen an einem Steg zu sein, Süsswasser direkt vom Schlauch, Strom direkt vom Land, WCs und Duschen (die jedoch kälter als unsere Cockpitduschen waren) wenige Meter vom Schiff, und freundliche Damen an der Reception, die geduldig Auskunft gaben und gar nicht so schrecklich viel Geld von uns wollten (pro Nacht bezahlten wir für unsere 11.5m €27, Strom und Wasser inklusive.). Noch am Abend machten wir eine Autovermietung direkt im Marinagelände aus, bei der wir online einen Fiat Tipo für 2 Tage reservierten, so dass wir am Dienstag und Mittwoch Sightseeing auf Guadeloupe nach unserem Gusto betreiben konnten. Der Fiat entpuppte sich dann zwar als ziemlich lahme Kiste mit zu kleinem Motor für zu grosses Eigengewicht, aber der Skipper holte alles aus ihm heraus, was zu holen war, bis die Reifen quietschten…

Wir packten die Trekkingschuhe, genug Wasser und Sandwiches und auch unsere Regenjacken ein, und machten uns gleich bei Geschäftsbeginn auf den Weg zur westlichen, bergigen Hälfte des Schmetterlings, die wie schon erwähnt ironischerweise Basse Terre heisst. Noch hatte sich das Wetter nicht beruhigt: mit dem Wind kamen alle paar Minuten die Squalls, so dass die Scheibenwischer des Autos oft und intensiv arbeiteten. Im Uhrzeigersinn gings auf der wie in den DOMs üblich sehr gut unterhaltenen Nationalstrasse um die Halbinsel. Natürlich waren wir gespannt auf den Ort und Hafen Basse-Terre; Hauptstadt und Regierungssitz von Guadeloupe. Vielleicht lag es am Wetter, oder vielleicht ist der Tourismusniedergang besonders spürbar auf der Westseite der Insel wegen ihres nässeren Klimas; jedenfalls waren die Geschäfte, Restaurants und auch die Capitainerie um die kleine Marina fast alle geschlossen und sahen so aus, als würden sie in nächster Zeit nicht wieder öffnen. Nur die Tankstelle hatte geöffnet und verbreitete einen schon fast sichtbaren Benzindampf, bei dem ich inständig hoffte, dass niemand in unserer Nähe auf die Idee kommen würde, eine Zigarette anzuzünden.

Wir verliessen das Gelände schnell wieder, drehten noch eine Runde durch die sehr viel lebendigere, farbigere und fröhlich ursprünglich wirkende Stadt mit Markt (heute geschlossen), Gare Routière (sehr belebt) und Gare Maritime, bevor es weiter Inland ging nach Matouba, bei St-Claude, wo wir im Regenwald bzw. noch in seiner Vorstufe, der «forêt humide», eine Wanderung entlang einem «Sentier d’interprétation» vorhatten. Ich hatte noch in Pointe à Pitre die Sylvascope App heruntergeladen, die uns dann bei den entsprechenden Stationen Infos über die Vegetation geben sollte. Aber dafür hätte ich dann unterwegs wohl die ganze Zeit online sein müssen, was aus Roaming- und auch Netztechnischen Gründen nicht funktionierte. Zudem hätte ich mein Handy nicht die ganze Zeit draussen haben wollen, denn es regnete immer wieder mal wie aus Kübeln und war ja – wie der Name schon sagt – sowieso ziemlich feucht. Trotzdem – mit der App gab es zusätzliche Informationen über die Vegetation unterwegs, wenn auch die botanischen Begriffe mein Französisch arg strapazierten. Ich gebe hier deshalb die Infos nicht alle weiter – Übersetzen wäre eindeutig mehrere Stufen zu hoch für mich. Der Weg war aber auch so schon sehr eindrücklich. Mit vom Wasser ausgewaschenen ockerfarbenen Stufen, starken und unendlich viel verzweigten, rutschigen Wurzeln überall, dazwischen verräterische flache Stellen, in denen man problemlos bis zum Knöchel in nassen Sumpf einsinken konnte – vielleicht aber auch nicht – rundum das satte Grün des Waldes in allen Schattierungen und ab und zu ein Bächlein, das wegen der momentanen Regenfälle meist mehr Wasser führte, so dass die vorgesehenen Trittsteine nicht hoch genug waren, um trockenen Fusses auf der anderen Seite anzukommen. Die Geräuschkulisse bestand einerseits aus dem Rauschen des Windes oder eines herannahenden Schauers, mit viel Knacken, Quietschen und Reiben von Holz an Holz, und andererseits vor allem aus den pfeifenden und zirpenden Kleintieren, die wie laute Grillen oder Zikaden klingen, aber wie wir auf Martinique festgestellt hatten, teils eigentlich kleine Fröschchen sind. Rechts und links vom gut markierten Weg reckten sich riesige Bäume in die Höhe, ab und zu über und über bewachsen mit Hängelianen und anderen symbiotischen Pflanzen, dazwischen wachsen über-mannshohe Sträucher, Farne und Gummibäume, die bei uns als Zimmerpflanzen gerade mal Topf-Grösse erreichen und alles in diversen, satten Grüntönen. Ich finde die Kraft und Energie des Wachsens und Spriessens ist schon fast physisch spürbar. Wir wanderten bzw. kletterten und balancierten die kürzere Variante des Wegs, die so schon anspruchsvoll genug ist, und waren nach etwa 1.5h wieder zurück beim Auto – gerade rechtzeitig vor dem nächsten dicken Squall.

Weiter gings – nun über Gemeindesträsschen mit Badewannen-grossen Löchern – zum Saut d’Eau de Matouba. Der Weg dorthin war leider geschlossen und wir konnten sehen, wie schnell die Natur hier die menschlichen Spuren verwischt wenn ein Weg nicht mehr unterhalten wird; nach wenigen Metern war klar, dass auch Wanderer, die Schilder mit «sentier fermé» nicht verstehen (wollen), keinen Weg mehr finden würden. Am Rückweg aus den Hügeln zur Küste (Matouba liegt auf etwa 7-800m) wurden die unterschiedlichen Vegetationsstufen sehr deutlich, mit dem Wald oben, Bananen- und anderen Plantagen (z.B. Mahagoni-Wäldern) als nächstes, und dann auf der Westseite zuunterst etwas Gemüseanbau und wenige Weideflächen (mehr davon gibt’s auf der flacheren Ostseite).

Die Strasse schlängelt sich entlang der Küste, mit immer wieder mal wunderbaren Ausblicken auf das an jenem Tag eher graue und aufgewühlte Meer, winzige Fischerhäfen und nördlich von Bouillante die Réserve Marine Cousteau. Von dort gings wieder ostwärts über eine Passstrasse, die unserem Tipo alles abverlangte. Unterwegs gibt es dort noch weitere Sehenswürdigkeiten, die offensichtlich für Touristen stärker ausgebaut sind. Das Wechseln in die Wanderschuhe hätten wir uns für die Cascade aux Ecrevisses sparen können; der kurze Weg vom vollen Parkplatz bis zum Pool, in den der Wasserfall plätschert, war durchwegs gepflastert und auch Flipflop-tauglich. Entsprechend voll war es auch beim Pool. Ein starker Kontrast zu unserer einsamen Regenwald-Wanderung!

Am Rückweg zur Marina gings noch in ein riesiges Einkaufscenter, wo wir – zugegeben vielleicht schon leicht panisch angesichts unserer Erinnerung an die hohen Preise auf den anderen Inseln – nochmals unsere Vorräte aufstockten. Unsere Recherchen zu den US-Bestimmungen haben ergeben, dass frische Nahrungsmittel und insbesondere Fleisch nicht eingeführt werden dürfen, aber kommerziell verpackte haltbare Dinge grossteils schon. Die Webseite der USDA unter https://www.aphis.usda.gov/aphis/resources/travelers-int gibt sehr genau Auskunft über Erlaubtes und Verbotenes. Wir haben noch immer ein paar Salamis und Chorizos aus Spanien an Bord, die bis zu den USVIs gegessen werden müssen… aber da sind wir dran ?.

Im Decathlon gabs dann noch ein paar neue Shorts für den Skipper, nachdem ich seine geliebten Swiss-Sailing-Shorts für todgeweiht erklärt hatte, weil sich neben den diversen schon mehrfach geflickten Rissen täglich neue auftun und sie schon Landverbot bekommen hatten.

Am Mittwoch, 15.1., gings wieder im Uhrzeigersinn rundum, aber diesmal auf Grande Terre, d.h. der flacheren, östlichen Seite der Insel. In Port Louis, das wir vom Wasser her von einem früheren Karibiktörn schon kannten (und uns erinnerten, dass wir damals mit Sparti Vento mit ihren 1.8m Tiefgang beim Hineinfahren den Sandboden kratzten), war einmal mehr die etwas flaue Touristensaison spürbar, aber wir bekamen trotzdem im kleinen Café am Hafen eine Cola.

Vom Strand von dort aus geht auch ein Spazierweg entlang der Küste nordwärts, den wir erwandern wollten. Links das türkisblau-grün-graue, vom Wind aufgewühlte Meer, dazwischen der helle Sand und rechts die grünen Mangroven… traumhaft. Aber nach einigen hundert Metern wurde es uns dann doch etwas zu blöd, ständig den Autos auszuweichen, die das Fahrverbot ignorierten. Der Weg führt zu diversen beliebten Surfer-Stränden und das Wetter war gerade gut passend für diese, so dass reger Verkehr auf dem sogenannten Spazierweg herrschte. Das feucht-regnerische Wetter hatte auch die Moskitos und ihre kleineren Verwandten, die «Midges» aus den Mangroven gelockt, und die kennen offensichtlich unser europäisches Antibrumm nicht… wir flüchteten dann bald wieder ins Auto zurück und führten unsere Rundfahrt über Grande Terre weiter.

Dieser Teil der Insel ist viel stärker durch Weidelandschaften, Gemüse- und Zuckerrohr-Anbau geprägt, als Basse Terre. Grande Terre ist in weiten Teilen auch marschig und wurde teilweise durch Deiche trockengelegt. Wir waren überrascht, als wir Wegweiser zu einer Barrage, dh. Staumauer sahen – die erwarten wir in der Schweiz doch eher in den Bergen.

An der Ostküste, in Le Moule, war wieder deutlich mehr Strandtourismus zu spüren, wobei es an diesem Tag mit dem noch immer starken Ostwind wohl eher für die Surf- und Kite-Profis passte. Und in St. François, an der Südostküste, passte es dann wieder alles zusammen. Hier ist offensichtlich das richtige Klima für Hoteltouristen und die Marina wirkte gepflegt und belebt mit vielen kleinen Restaurants rundum, aus denen es verführerisch roch und deren Tischchen grösstenteils auch besetzt waren. Wir fanden ausserhalb der Marina zum Strand hin ein feines kleines Restaurant und kamen dort auch mit der Besitzerin ins Gespräch, da wir als letzte Gäste recht spät gekommen waren und sie so etwas Zeit für uns hatte. Auch sie sagte, der Tourismus-Rückgang sei in diesem Jahr spürbar, auch wenn die Feiertage gut gelaufen seien. St. François hatte wie viele andere Orte an Ost-Küsten in den vergangenen Jahren sehr mit dem in Unmengen angeschwemmten Sargassogras zu kämpfen gehabt und möglicherweise hatte dies den Ruf der Gegend geschädigt. Uns war die Sperre vor dem einen Hotel aufgefallen, und es war beim anderen kleinen Strand deutlich sichtbar, was passiert, wenn das Gras nicht abgehalten oder entfernt wird.

Die Rückfahrt nach Pointe à Pitre wurde dann noch kurz etwas spannend, da wir bei St. Anne in eine Umleitung und dann einen ziemlichen Verkehrszusammenbruch gerieten, so dass die Uhr tickte und unser Abgabetermin näher und näher rückte. Aber es reichte doch noch rechtzeitig.

Den schönen und spannenden Tag schlossen wir dann noch im «Le Pirate» bei feinen Langusten-Menüs ab und beschlossen, am nächsten Tag auf direktem Weg nach Antigua weiter zu reisen. Guadeloupe hatte uns wieder mit ihrer grossen Vielfältigkeit, den offenen und interessierten Gesprächen mit Locals und nicht zuletzt auch mit ihrer feinen kreolischen Küche begeistert. Nun waren wir bereit für Antigua, das aus anderen Gründen für uns besondere Bedeutung hat.